Der Weg zum Minimalismus

Als ich nach Kalifornien zog, musste ich über zwei Monate auf das Eintreffen meines Hausrats warten. Der Grund für die Verzögerung war ein Kommunikationsproblem, und es wäre sicher ein paar Wochen schneller gegangen, wenn ich einfach mal bei der Umzugsfirma angerufen hätte, um zu fragen, wo denn mein Zeug bliebe. Heute glaube ich, dass ich das nicht getan habe, weil ich meinen Krempel einfach nicht vermisst habe.

Ich hatte mir direkt bei einem bekannten schwedischen Möbelhaus ein Bett und eine Matratze gekauft, eine Decke und Bettwäsche, einen Hocker für meine Küchenbar, einen Teller, eine Tasse, eine Schüssel (alles weißes Porzellan), ein Glas, und ein Viererset Besteck, einfach weil es kein einzelnes zu kaufen gab. Mitgebracht hatte ich einen Koffer voller Kleidung und meinen Laptop. Das war eigentlich alles was ich an Hausrat zum Glücklichsein brauchte.

Als dann einige Wochen später der Umzugslaster kam und mein Wohnzimmer von Möbeln und Kisten überquoll, war ich deprimiert. Von wenigen Dingen abgesehen (wie Gitarre und Fahrrad) wollte ich eigentlich nichts mehr mit dem Krempel zu tun haben. Zwei Kisten gingen nach dem Öffnen und Inspizieren des Inhaltes direkt in den Müllcontainer. Traurig, denn dafür hatte die Umzugsfirma viel Geld kassiert, um es über die halbe Erdkugel zu schiffen. Aber die Mietwohnungen hier haben alle einen Einbau-Kleiderschrank, Lampen sind mit Schirm und Glühbirne versehen, Jalousien sind an den Fenstern.

Das Traurige ist, ich hatte schon vor dem Umzug nach Kalifornien viel ausgemistet. Zwei Autoladungen fuhr ich zum Recyclinghof, ein Dutzend Auktionen stellte ich bei eBay ein. Das Ganze kostete viel Kraft und Aufwand, nicht nur physisch, sondern auch emotional. Bei jedem Teil musste ich überlegen, ob ich es noch einmal gebrauchen könnte, wie der Wiederverkaufswert ausfallen wird, wieviel Platz es wegnimmt. Wenn man seinen Besitzstand um ein Drittel reduziert, glaubt man schon, einen guten Stück des Weges gegangen zu sein. Ich hätte nicht gedacht, dass es so deutlich wird, dass ich gerade erst den Anfang gemacht hatte.

Seitdem bin ich noch zweimal umgezogen, und ich bin immer noch dabei, meine Besitztümer Stück für Stück zu reduzieren. Bücher waren ein einfaches Opfer. Die meisten hatte ich einmal gelesen und dann nie wieder angefasst. Welchen Sinn macht es, solche Bücher zu horten? Als Trophäe, was man alles schon gelesen hat? Ich werde mir keine Bücher mehr kaufen, es sei denn, ich finde das Buch in keiner Bücherei in der näheren Umgebung und will es unbedingt lesen. Ähnliches gilt für DVDs und CDs. Beides geht heutzutage wunderbar digital über das Internet. Ich habe immer noch eine Kiste voll CDs, von denen ich seit ich hier bin vielleicht eine oder zwei herausgekramt und gehört habe. Das wird wohl die nächste Front sein.

Es gibt allerdings auch Rückschläge. Mit einer Gitarre hier angekommen, habe ich nun plötzlich drei. Davon ist mindestens eine überflüssig und wird demnächst gegen etwas Sinnvolleres eingetauscht. Auch Küchengeräten kann ich hier komischerweise nur schwer widerstehen. Standmixer, Reiskocher, Crock-Pot (Langsamkocher, gibt es das in Deutschland überhaupt?)…

Ich bin davon überzeugt, dass eine Wohnung voller Krempel das Unterbewusstsein belastet. Ich habe irgendwo gelesen, dass für Buddhisten der Besitz von Gegenständen, die man nie benutzt, schlechtes Karma bedeutet. Oder prosaischer ausgedrückt, jeder unbenutzte Gegenstand ist ein gebrochenes Versprechen, an das man ständig erinnert wird. Das Buch, dass man schon seit Monaten lesen wollte, das Musikinstrument, dass man spielen lernen wollte aber nie dazu gekommen ist, die Inlineskates, die man zweimal ausprobiert hat und jetzt in der Ecke liegen. Kleidung ist natürlich ein Thema für sich. Von all meinen Sachen im Kleiderschrank ziehe ich bestimmt gerade einmal 20% gern und häufig an. Alles andere sind die berüchtigten Schlaf-T-Shirts oder Sachen “für zu Hause rum”. Wieviel angenehmer wäre jeder Morgen, wenn man einfach irgendwas aus dem Schrank nehmen könnte, und man würde immer zu etwas Gutem greifen? Vielleicht sagt das allerdings auch mehr über mein mangelndes Einkaufstalent als über das Entrümpeln.

Kram kostet Zeit und Geld. Man bezahlt für den Platz um ihn aufzubewahren, man muss ihn sauberhalten, beim Umzug muss man Leute dafür bezahlen, ihn in die neue Wohnung zu tragen, oder man schleppt selber). Ein gutes Beispiel für Kosten ist mein PC. Wie gesagt hatte ich mir einen Laptop mitgebracht, in der Schiffsladung befand sich allerdings auch ein Desktop-PC. Vor der Entscheidung gestellt, ihn zu verkaufen oder zu behalten, konstruierte ich mir folgende Rechtfertigung: Wenn ich mir einen großen Monitor kaufe, spare ich mir die Anschaffung eines Fernsehers. Also kaufte ich mir ein neues 110V-Netzteil, einen Monitor, einen Schreibtisch. Die Festplatte versagte und ich musste auch diese ersetzen. Ich benutzte allerdings weiterhin zu 95% meinen Laptop, und natürlich kaufte ich mir trotzdem einen Fernseher, denn der Rechner war etwas laut und es war unpraktisch, ihn zum Fernsehen oder DVD schauen zu benutzen. Die Moral von der Geschicht’: Fast jeder Gegenstand zieht Kosten nach sich.

Den PC habe ich immer noch, allerdings nur, weil es der einzige Weg ist momentan, um von zu Hause aus zu arbeiten. Sobald unsere IT-Leute das Problem behoben haben, fliegt das Teil raus. Ich glaube, der Schreibtisch kann dann eigentlich auch weg.

Im Frühsommer habe ich ein kleines Experiment zum Thema Minimalismus vor, dazu später mehr. Hauptrollen spielen ein fernes Land, ein kleiner Rucksack und zwei Wochen Urlaub.


Ein Pelikan in Santa Cruz. Er brauch sich keine Sorgen um seinen Hausrat zu machen…

Mal wieder auf Wohnungssuche

Das vierte Mal Wohnungssuche innerhalb von zweieinhalb Jahren. So langsam habe ich Routine. Ich muss sagen, hier in Kalifornien ist es viel einfacher als in Deutschland: Ab einer gewissen Größe (16 Apartments?) der Anlage muss ein Vollzeit-Resident-Manager vor Ort sein. Meist hat dieser auch am Wochenende Dienst. Bei den größeren Anlagen sind es bis zu drei bis vier Leute, die sich nur um die Belange der aktuellen und zukünftigen Mieter kümmern. Wie ich bereits mal geschrieben hatte, gibt es so gut wie keine Wohnungsmakler für Mietwohnungen, und wenn, dann werden sie vom Vermieter beauftrag und bezahlt, um Mieter zu finden. Als Mieter schaut man sich also nur bei craigslist.org um, ruft die dort angebene Telefonnummer an um einen Termin zu vereinbaren, und erhält eine nette Tour durch die Apartmentanlage. Gefällt es, füllt man eine Bewerbung aus und stellt gleich einen Scheck über die Reservierungskaution aus, und das war es.

Gestern hatte ich die erste Besichtigung: $1.250 pro Monat, mit Pool, riesiger Balkon, weniger als eine Meile vom Büro entfernt, neben einem dieser kleinen typischen “Einkaufszentren” mit Starbucks, McDonald’s und Pizz-A-My-Heart. Was natürlich nicht in der Anzeige stand: Die Küche und das Badezimmer war noch original aus den Sechzigerjahren, noch schlimmer als meine jetzige. Jetzt habe ich immerhin eine Digitaluhr am Herd, das Teil dort war noch analog. Eine Gasheizung in einem Holzschrank soll im Winter die Wohnung warmhalten. Der Besitzer war gleichzeitig der Hausmeister und etwas zu gesprächig für meinen Geschmack. Er war früher mal Footballspieler und hat so sein Geld verdient, und jetzt ist er Immobilieninvestor. Er hat Grundbesitz in der Ukraine, wo er auch ab und zu mal hinfliegt um eventuell eine Frau zu finden. Zu viel Information, danke. Zu seinen Mietern zählten ein Stanford-Doktor und ein Rechtsanwalt. Wie die es mit der veralteten Wohnungsausstattung aushalten, ist mir allerdings ein Rätsel. Auch auf apartmentratings.com kam die Anlage nicht gut weg: Die Wärmeisolierung sei unter aller Kanone.

Heute dann Apartment Nummer 2: $1,175 pro Monat, angeblich großer Balkon (der sich dann als Zugang zum Apartment herausstellte), neuer Fußboden und aktuelle Küchenausstattung, zwei Meilen vom Büro entfernt. Trotz der vereinzelten Upgrades hinterließ das Apartment allerdings auch wieder einen abgewohnten Eindruck. Der dazugehörige Autostellplatz war nicht überdacht, zusammen mit dem nicht sehr privaten “Balkon” haute mich das Apartment nicht vom Hocker. Ähnlich war es auch mit einem weiteren für $1,350. Nur eine Meile vom Büro, Pool, allerdings war auch wieder der Balkon der Aufgang zu den Apartments, auf dem andere Mieter zu ihren Wohnungen gehen, wobei sie auch durchs Fenster ins Wohnzimmer schauen können. Nein danke.

Allerdings gab es auch einen Lichtblick. Ein Komplex, den ich bei der letzten Suche ins Auge gefasst hatte, wobei es mir damals etwas zu teuer war, und ich nie einen Manager für eine Führung zu fassen bekommen habe. Diesmal habe ich mir das Ganze genauer angeschaut, denn die Zweizimmerwohnung kostet “nur” noch $1,445. Da das auch Wasser- und Abfallgebühren beinhaltet, ist es günstiger als meine jetzige Wohnung, aber um zwei Klassen besser: Zwei Pools, Whirlpool, unnötiger Krempel wie Billardraum, Tischtennis, Fitnessstudio, riesiger privater Balkon, schräge hohe Decken, Klimaanlage, neue Küche, Gaszentralheizung, weniger als zwei Meilen vom Büro, in Fußreichweite zu einem Supermarkt. Ich war schon bereit, den Mietvertrag zu unterzeichnen, da gab Maggie, die freundliche Assistant Managerin, ein kleines wichtiges Detail preis: Die Wohnungen sind zwar Ende Mai frei, allerdings müssen sie noch gereinigt und eventuell renoviert werden, und das dauert bis Anfang Juni. Ich muss am 30. Mai aus meiner aktuellen Wohnung raus sein. Also versuche ich jetzt, meinen Auszug um zwei Wochen zu verschieben, um die Wunschwohnung zu erhalten. Drückt mir die Daumen!

Umzug überstanden

Je näher der Umzug rückte, desto größer wurden die Zweifel. Sicher, ich spare fast $500 im Monat, doch wenn ich darüber nachdachte, was ich mit dem Geld so machen könnte, war “eine schönere Wohnung mieten” die Nummer eins auf der Liste. Aber das war müßig, denn die Verträge waren unterschrieben und alles organisiert.

Das Spannendste beim Umziehen ist immer die Schlüsselübergabe. In welchem Zustand wird die Wohnung sein? Welche Überraschungen warten, die man bei der Besichtigung übersehen hat? Mein Eindruck bei der Schlüsselübegabe am Freitag war positiv: Die Wohnung war größer als ich sie in Erinnerung hatte, und alles war in akzeptablem Zustand, bis auf die Jalousien im Schlafzimmer, die aber demnächst ausgetauscht werden. Nur eines störte mich gewaltig: Es roch muffig, Marke “Altes Ferienholzhaus in Dänemark”, oder “Oma mit drei Katzen”. Waren meine Vormieter etwa Raucher, und Qualmreste mischten sich mit dem Teppichreiniger zu diesem Duft? Egal, erst einmal umziehen, vielleicht kann man später etwas machen, dachte ich mir.

Da die neue Wohnung nur 10km von der alten entfernt ist, fuhr ich schon am Freitag mit Jarys Honda CRV und meinem Sebring vier Autoladungen Kleinkram in die neue Wohnung, und auch am Samstag lud ich noch einmal mein Auto voll, damit wir uns am ”großen” Umzugstag, dem Sonntag, auf die größeren Möbel konzentrieren konnten. Ich hatte bei Uhaul einen kleinen Laster reserviert, für nur $29.90, allerdings plus 89 Cent pro Meile. Da am Samstag Marius’ 30. Geburtstag gefeiert wurde, hatte ich die Abholung auf 11 Uhr gelegt, um meinen Helfern (und mir) genug Zeit zu geben, sich von der Party zu erholen. Um 17 Uhr schloss die Mietstation, aber eigentlich sollte das doch klappen, dachte ich mir, denn soviel Zeug habe ich ja nicht…

Der 22-Fuß-LKW war eine absolute Schrottkiste, ein Ford-Benziner mit über 300.000km auf dem Buckel. Mit Stirnrunzeln nahm ich zur Kenntnis, dass der Uhaul-Mitarbeiter das Feld “Bestehende Vorschäden” nicht ausgefüllt hatte. Na gut, vermutlich würde das eine Weile dauern, und es war schon 11:30 Uhr, also Bedenken beiseite und losgefahren, schließlich hatte ich auch die Vollkasko-Versicherung dazugekauft. Der Laster fuhr sich wie auf Schwämmen, und beim Rechtsabbiegen kamen klägliche Geräusche von der Hinterachse.

Obwohl wir uns reichlich Zeit ließen und Geburtstagskind Marius eine Stunde zu spät kam, hatten wir zu dritt alles in weniger als zwei Stunden verladen. Da ich den LKW eine Nummer größer gewählt hatte, mussten wir uns keine Gedanken übers Platzsparen machen und nicht alle Möbel zerlegen. Die absoluten Zeitsparer und Rückenschoner waren aber die beiden Sackkarren, die man für $8 bzw $11 (mit Gurt für große Sachen und treppenfähig) mit ausleihen konnte. Ab jetzt nie wieder ein Umzug ohne!

Jetzt wurde es spannend: War ein Parkplatz direkt vor meiner neuen Wohnung frei? Nicht um dort zu parken, sondern um freien Zugang zu haben. Ein Fußweg wurde leider vergessen, so dass man zwischen parkenden Autos durchlaufen muss, was z.B. mit einer Couch auf dem Arm etwas schwierig war. Doch wir hatten Glück. Ich rief meinen Kollegen Jim an, der seine Hilfe angeboten hatte, um ihn zu bitten, uns beim Ausladen zu helfen. Das stellte sich später als etwas überflüssig heraus, denn der Weg vom LKW zur Wohnungstür betrug 5m und eine Treppe, und als er eintraf, war nur noch die Couch auf der Ladefläche, die wir dann zu dritt in die Wohnung trugen. Der Geruch war noch da. Ich fragte meine Umzugshelfer, doch die konnten nichts riechen. War ich zu empfindlich?

Es war noch nicht einmal 15 Uhr, und alles war erledigt. Exzellent! Ich startete die Schrottkiste, um zurück zum Uhaul-Stützpunkt zu fahren. In der Ausfahrt vom Parkplatz des Apartmentskomplexes kam mir jemand entgegen, also lenkte ich etwas nach rechts, um Platz zu machen. Plötzlich gab es einen lauten Rumms von rechts oben, der in ein Knirschen überging. Ich war gegen ein Zierdach gefahren, dass das eine Ende meines Apartmentgebäudes schmückte. Mein erster Gedanke war, ob das Gebäude Schaden genommen hatte, denn die kellerlose Holzkonstruktion wurde ganz schön durchgerüttelt. Der zweite Gedanke galt meiner Versicherung, die ich zum Glück dazugekauft hatte. Eine kurze Inspektion zeigte, dass die Schäden eher glimpflich waren. Am Holzbalken des Hauses waren nur ein paar Lackspuren zu sehen, die man aber nur wahrnahm, wenn man wusste, was passiert war. Am Dach des LKW war der Lack ziemlich übel zerkratzt, aber an genau der gleichen Stelle hatte bereits jemand vor mir genau das gleiche veranstaltet, nur sehr viel übler.

Ohne weitere Reibereien konnte ich gerade vom Dach wegziehen. Ich fuhr zur Station und versuchte auf dem Weg meine nagende Ungewissheit zu verdrängen. Auf den Uhaul-Mitarbeiter wartend las ich mir noch einmal meine Versicherungsbedingungen durch: Schäden durch Kollisionen am Dach waren explizit nicht gedeckt. Na klasse. Der Mitarbeiter kam, ging zur Inspektion einmal um den LKW herum, füllte den Beleg aus und überreichte ihn mir. Mit einem Blick kam die Erleichterung: “Keine neuen Schäden” war angekreuzt. Ich war wirklich froh, keinen nagelneuen LKW bekommen zu haben…

Die erste Nacht in der neuen Wohnung war wie erwartet unruhig. Die Wände sind extrem hellhörig, und die Zufahrt geht an meinem Schlafzimmer vorbei. Wie auf Bestellung hatte die mexikanische Familie schräg unter mir eine Grillparty, die allerdings gnädigerweise um halb zwölf vorbei war. Meine Wohnung ist unter den Umständen allerdings eine der ruhigsten: Niemand über mir, die Waschküche unter mir, und nur eine gemeinsame Wand mit einem Nachbarn, nämlich hinter meinem Wandkleiderschrank zu deren Badezimmer. Keine lauten Klimaanlagen wie bei der alten Wohnung, nachts höre ich allerdings die Gasheizung, die das ganze Gebäude mit Warmwasser versorgt. Das ist allerdings ein sehr leises und eher beruhigendes Geräusch.

Die Ursache für den komischen Geruch konnte ich nach ein paar Tagen auch finden: Offenbar war das Spülbecken in der Küche irgendwann mal irgendwie undicht gewesen, und der Holz-Küchenschrank darunter hat sehr viel Feuchtigkeit abbekommen. Was ich zuerst für Verfärbungen auf dem Holz hielt, entpuppte sich beim gründlichen Putzen als getrockneter Schimmelpilz, der beim Entfernen allerlei interessante Gerüche von sich gab. Nach dem Reinigen jedenfalls hat sich die Geruchssituation deutlich gebessert. Beim Putzen ging übrigens der Wasserhahn kaputt, so dass ich gleich zwei Gründe hatte, den Hausmeister zu rufen. Der Wasserhahn wurde repariert, am Küchenschrank konnte er aber nichts machen, da jetzt ja keine Feuchtigkeit und kein Geruch mehr da ist. Hm, okay.

Es ist schon erstaunlich, wie schnell man sich an eine weniger luxuriöse Wohnung gewöhnt. Ich vermisse meine alte Wohnung jedenfalls überhaupt nicht mehr, und frage mich, wie ich jemals denken konnte, dass der höhere Preis sich lohnen würde. Neben der Miete spare ich auch Benzin, denn das Büro ist nur 2km entfernt, was auch bedeutet, dass ich mittags schnell mal zum Essen nach Hause fahren kann, was ebenfalls wiederum Geld spart. Alle Einkaufsmöglichkeiten sind mit dem Fahrrad zu erreichen, nur mein Stammsupermarkt Lucky’s nicht. Aber irgendwas ist ja immer…

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Jary und Marius chillen in meinem neuen riesigen Wohnzimmer

Mal wieder ein Umzug

Wie im Fluge sind sie vergangen, die ersten zehn Monate, und per Brief wurde ich daran erinnert, dass mein Mietvertrag demnächst ausläuft. Anders als in Deutschland gibt es nur zwei Arten von Mietverträgen: Zeitverträge wie in Deutschland, und unbefristete Verträge, die allerdings eine beiderseitige Kündigungsfrist von nur 30 Tagen haben (“month-to-month”). So etwas wie in Deutschland, dass sich die Kündigungsfrist verlängert, je nachdem wie lange man in einer Wohnung lebt, kennt man hier nicht. Das Mieterdasein ist also geprägt vom ständigen Abschließen neuer Zeitverträge, oder aber von der Unsicherheit, dass man jederzeit innerhalb von 30 Tagen aus seiner Wohnung geworfen werden kann. Sicher auch einer der Gründe, warum hier mehr als 60% Wohneigentum besitzen.

Natürlich ist ein neuer Vertrag auch meist mit einer Mieterhöhung verbunden. Diese ist soweit ich weiß gesetzlich auf 10% jährlich begrenzt, gilt aber nur für bestehende Mieter. Das heißt dass es für Vermieter durchaus wünschenswert sein kann, bestehende Mieter zu vergraulen. Hier das Angebot, dass mein Apartmentkomplex mir unterbreitete:
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Mein ursprünglicher Plan, erstmal auf “month-to-month” zu gehen und in Ruhe nach einer neuen, weniger teuren Wohnung zu suchen, wurde dadurch natürlich zunichte gemacht. Fast $3000 pro Monat, wenn ich keinen neuen Zeitvertrag unterschreibe? Wahnsinn. Und $1910 für einen neuen 12-Monats-Vertrag ist auch mehr als ich bereit bin zu zahlen. Also flugs die Kündigung eingereicht und ab auf Wohnungssuche!

Dabei musste ich feststellen, dass der Markt noch einmal angezogen hat. Familien, die durch die von der Kreditkrise ausgelösten Zwangsversteigerungswelle aus ihrem Eigenheim geworfen wurden, drängen jetzt auf den Mietermarkt. Die Anzahl der Zwangsversteigerungen hat sich in diesem Jahr ungefähr versiebenfacht, und die Auswirkungen sind ja sogar bis zu den europäischen Banken durchgedrungen. Ein weiteres Problem dürfte auch darin bestehen, dass die meisten Vermieter die Kreditwürdigkeit überprüfen und insolvente Mieter nicht nehmen, so dass ich in der Zeitung schon von einer Familie las, die ins Hotel ziehen musste.

Zumindest einen Vorteil hat die Wohnungssuche hier gegenüber Großstädten in Deutschland: Es gibt so gut wie keine Makler. Die Vermieter inserieren direkt in Zeitungen oder auf Websites wie www.craigslist.org, und alles was man als Mieter neben Kaution zahlen muss sind Gebühren für den oben erwähnten Kreditcheck, ca. $30-$40.

Durch die allgemeine 30-Tage-Kündigungsfrist (auch bei Zeitverträgen muss man in der Regel 30 Tage vor Ablauf bescheidgeben, dass man ihn nicht verlängern will), sind die angebotenen Wohnungen auch in der Regel innerhalb von vier Wochen oder weniger verfügbar, so dass man auch kurzfristig relativ leicht etwas finden kann. Aber wie gesagt, die Mieten sind mittlerweile mit durchschnittlich $1520 für eine Zweizimmerwohnung in Mountain View auf dem Niveau der Spitze des Dot-Com-Booms von 2001, wobei sie zwischenzeitlich 2003/2004 auf $1100 gesunken war. Und allgemein gilt: “You get what you pay for”. Richtige Schnäppchen konnte ich keine finden, und wenn, dann ist sicher ein Haken dabei. Wie z.B. der etwas zu redselige Vermieter, der mich eine halbe Stunde am Telefon hielt, mit Geschichten über seine deutsche Mutter und seine Essgewohnheiten bei Kentucky Fried Chicken. Zum Glück gibt es Websites wie www.apartmentratings.com, wo man Erfahrungsberichte von Mietern nachlesen kann. So konnte ich dieser Falle ausweichen, denn besagter Vermieter ist wohl auch in der Apartmentanlage derart penetrant und aufdringlich, dass ehemalige Mieter berichteten, dass sie ihren Tag danach planten, dass Roland (so der Name des Vermieters) nicht anwesend war, wenn sie nach Hause kamen. Und falls doch, war Blickkontakt unter allen Umständen zu vermeiden…

Letztendlich konnte ich aber doch noch eine Wohnung finden, die allen meinen Kriterien entsprach: Endetage (wenn auch nur erster Stock), Balkon, 2km vom Arbeitsplatz entfernt, Pool, weniger als $1500/Monat. Sie ist zwar relativ alt und liegt in einer weniger gefragten Gegend von Mountain View, die vorwiegend mexikanisch geprägt ist, dafür aber in Fahrradreichweite zur netten Innenstadt von Mountain View, wo auch mein Büro liegt. In einer Woche ist bereits der Umzug!

Auto-Einbruch und ein Grillfest

Seit langem mal wieder ein Beitrag! Es hat sich einfach wenig getan im ersten Quartal 2008, der Alltag ist eingekehrt. Zum Winter nur soviel: Trotz der milderen Temperaturen habe ich im Winter noch nie so gefroren wie hier in Kalifornien. Wenn es in Deutschland schneit und stürmt, dann dreht man einfach die Heizung auf und schaut gemütlich, warm und trocken aus dem doppelt verglasten Isolierfenster dem Winter beim Kaltsein zu. Aber hier in Kalifornien sind die Sperrholzwände kaum isoliert, die Spalte unter den Türen sind so breit, dass man einen Finger durchstecken kann, und die Heizung besteht aus der Klimaanlage, die man auf “warm” stellt. Leider ist diese so laut, dass ich nicht schlafen kann, sobald sie anspringt. Also halfen nur doppelte Decken und ein extra warmer Schlafanzug. Dazu kommt noch, dass die Wohnungstür direkt ins Wohnzimmer führt, einen Flur gibt es nicht. Aber genug gejammert, dafür konnte ich schon am 18. Januar die Cabrio-Saison einläuten, denn tagsüber, wenn die Sonne schien, war es schon angenehm warm.
Türspalt

Spalt unter meiner Wohnungstür

Am letzten Wochenende war es zeitweise gar schon 30 Grad! Ein Kollege aus London, ein Netzwerkadministrator war hier, und natürlich habe ich mit ihm etwas unternommen. Mit einem weiteren Netzwerkadministrator aus dem Büro hier waren wir Billardspielen in Mountain View, an der inoffiziellen Hauptschlagader des Silicon Valley, der Straße “El Camino Real”. Als waschechter Brite handelte es sich natürlich um einen Raucher, der also regelmäßig die Billardhalle verließ um draußen zu rauchen. So auch gegen 9 Uhr, nur diesmal kam er sofort wieder rein, kreidebleich und aufgeregt: “Du, das Auto neben deinem wurde gerade aufgebrochen!!” Er hatte die Tat tatsächlich live miterlebt: Ein Fluchtwagen, ein uralter Datsun oder sowas, wartete, während ein zweiter Mann mit der mit einem Tuch umwickelten Hand das Beifahrerfenster einschlug und eine Handtasche stahl. “Willst Du Dein Auto nicht wegfahren?” – “Nee, ich meine, sie werden ja nicht gleich wiederkommen, oder?” Nach einer halben Stunde kam auch schon ein Cop und hat gelangweilt den Vorfall aufgenommen. Einer der Mitarbeiter der Billardhalle patrouillierte daraufhin viertelstündlich den Parkplatz.

Am nächsten Tag fuhr ich mit dem Londoner nach Santa Cruz, und am Abend waren wir beim anderen Kollegen zum Grillen eingeladen. Er hat ein Haus in den Bergen von Santa Cruz (wir würden wohl eher “Hügel” dazu sagen), zu dem man nur über eine schmale Straße gelangt, die nur breit genug für ein Auto ist. Auf der Terrasse saßen bereits seine Nachbarn, echte amerikanische Naturburschen. Einer davon hat 18 Jahre auf Hawaii gelebt und irgendwie auf Fischerbooten gearbeitet, ist Mitglied oder zumindest Freund von einer örtlichen Motorradgang, und hat ca. 30 Waffen im Haus. Der andere hat keine Waffen, dafür aber einen Jagdschein für Pfeil und Bogen. Als wir so gemütlich bei Bier und Tequila saßen, kamen plötzlich zwei Rehe aus dem Wald und grasten seelenruhig zehn Meter von uns entfernt. Das erinnerte den einen Nachbarn daran, wie er mit seinem Bogen einmal einen Hirsch in seinem Garten erlegte, und wie Nachbar Nummer 2 ihm beim Ausnehmen und Transport geholfen hatte, sich dabei aber unentwegt übergeben musste… Mein Kollege aus London und ich waren uns einig: Sowas gibt’s nur in Amerika.