Basic Keelboat 1
“Incident on N-880, 2 right lanes closed”, also “Vorfall auf Autobahn 880 nordwärts, die rechten beiden Spuren gesperrt”, verkündeten die elektronischen Anzeigen am Straßenrand. Noch war der Verkehr aber recht flüssig. Wie schlimm kann das schon sein, am Samstagmorgen um 8 Uhr? Ich war auf dem Weg nach Berkeley, zu meinem ersten offiziellen Segelkurs. Nachdem ich in Europa schon zweimal je eine Woche in das Leben an Bord hineingeschnuppert hatte, wollte ich endlich eine “richtige” Ausbildung erhalten. In Hamburg und am Bodensee ist es leider nie dazu gekommen, und jetzt hatte ich eines der schönsten Segelreviere vor der Nase, da wäre es fast ein Verbrechen, nicht den Hintern hochzubekommen und es endlich zu wagen. Die Kurse für “große” Segelboote mit Kiel sind hier in den USA standardisiert, angefangen mit “Basic Keelboat”, dann “Basic Coastal Cruising”, “Bareboat Chartering”, “Advanced Coastal Cruising”, “Offshore Passagemaking” und so weiter und so fort. Es ist zwar zum Segeln nicht erforderlich so einen Schein zu haben, findet man ohne fast keinen Charterer, der einem ein Boot überlässt. Der erste Kurs wird meist in drei bis fünf Tagen gelehrt und mit einer Prüfung abgeschlossen. Hier in der San Francisco Bay kostet der Spaß zwischen $400 und $900. Die nächste Segelschule ist 20 Autominuten von mir entfernt, im Internet wird allerdings eine Schule in Berkeley empfohlen, die auch den Vorteil hat, mit nur drei Schülern pro Lehrer und Boot zu arbeiten, statt mit vier oder fünf Schülern wie andere Segelschulen. Das Problem: Berkeley ist genau an der gegenüberliegenden Ecke der Bucht, eine knappe Autostunde entfernt, wenn es nicht gerade Stau gibt.
Plötzlich taucht eine Autowand vor mir auf, alles verlangsamte sich zu Schritttempo. Mist. Endlich auch eine Radioansage, ein LKW hätte einen Unfall gehabt, und dabei Dreck und Trümmerteile über die Fahrbahn verstreut. Drei Spuren seien gesperrt. Drei Spuren? Die Schilder hatten nur von zweien gesprochen. Ich rief die Segelschule an, um meine Verspätung zu melden. Offenbar war ich nicht der einzige. Als ich eine halbe Stunde später den Unfallort passierte, war mir klar wie das passieren konnte, der Zustand der Straße war eine Katastrophe. Ich hatte wirklich Angst um meine Reifen und Achsen. Endlich an der Segelschule angekommen war natürlich kein Parkplatz mehr zu finden. Nach weiteren zehn Minuten Suche stürmte ich in das Büro. Zum Glück waren sie noch im Schulungsraum, ich hatte nicht soo viel verpasst. Sechs “Schüler” waren dabei, ein Paar und zwei Männer um die 40, eine Frau in meinem Alter und ich. Der Lehrer war der typische Segler mit wilden zerzausten Haar und ledergegerbter Haut, und erinnerte mich ein wenig an Mr. Garrison, der Lehrer aus South Park.
Die Segel-Terminologie ist eine Sprache für sich. Ich hatte gerade ein paar Begriffe auf Deutsch gelernt, und musste nun alles neu auf Englisch lernen. Ich hatte irgendwie im Hinterkopf, dass viele Schifffahrtsbegriffe aus dem Deutschen sich ins Englische verirrt hatten, wie z.B. “Lee”, was auf Englisch genauso heißt, aber da hatte ich mich verrechnet. Vorsegel = jib, Fall = halyard, Halse = jibe, Wende = tack, Palstek = bowling, Pinne = tiller… Aber immerhin: Reffen = reefing, Schot = sheet. Ich wurde auf das Boot mit dem Paar eingeteilt, vermutlich weil ich schon etwas Erfahrung hatte. Wir lernten, die Segel anzubringen (es gibt sicher einen deutschen Fachausdruck dafür, mit denen ich jetzt leider nicht dienen kann), abzulegen, aus dem Hafen zu navigieren, und sind ein wenig vor der Marina hin- und hergesegelt. Das Wetter war fast perfekt, es war lediglich etwas kühl.
Interessanterweise lebt unser Lehrer auf seiner 44-Fuß-Segelyacht im Yachthafen von Berkeley. Ich werde ihn bestimmt noch viel darüber ausfragen, denn ich finde diese (gezwungenermaßen) minimalistische Lebensweise sehr interessant. Die pure Möglichkeit, fast jederzeit die Leinen loszumachen und einfach den nächsten Hafen anzusteuern, hat wirklich was. Und außerdem kostet ein Liegeplatz mit Wohngenehmigung weniger als halb so viel wie eine Zweizimmerwohnung.

Park am Yachthafen von Berkeley, mit Blick auf San Francisco
Das Paar mit dem ich auf dem Boot war, Lee und Rick, hatte sich vor eineinhalb Jahren eine kleine 22-Fuß-Yacht gekauft. Als ich weiter nachfragte, stellte sich heraus, dass der Hafen von Berkeley ab und zu Yachten versteigert, die beschlagnahmt wurden, weil seit einem Jahr keine Liegegebühren gezahlt wurden. Das Startgebot liegt normalerweise bei $250, und das war auch der Preis, den sie für ihre Yacht gezahlt hatten. In der aktuellen Wirtschaftslage geben wohl viele Leute einfach ihre Boote auf, und die Nachfrage ist gering weil wenige sich einen neuen finanziellen Klotz ans Bein binden wollen.
Der Vorbesitzer hatte an Bord gelebt und er war wohl nicht der ordentlichste Typ, so dass sie also etwas aufräumen mussten, und der Rumpf wurde seit fünf Jahren nicht gesäubert und neu gestrichen, was ebenfalls einiges an Arbeit kostete. Aber an Bord fanden sie ein funktionierendes GPS (geschätzter Wert: $200), und der Elektro-Motor lief auch, sowas kostet neu um die $4.000. Sie hatten also ein echtes Schnäppchen geschossen…
Nach dem Kurs fand zufällig auch das Frühlings-Grillfest der Segelschule statt, so dass ich Freibier, Hamburger und Hotdogs genießen konnte, während ich mit Lee und Rick über Gott und die Welt redete. So lässt es sich leben… Nach dem Grillen machte ich mich gleich auf den Weg zum ”Gefängnissteg” um einen Blick auf die aktuellen beschlagnahmten Yachten zu werfen. Zwei größere Segelboote um 35 Fuß lagen dort, groß genug um bequem darauf wohnen zu können. Allerdings auch ziemlich heruntergekommen, mit blinden Fiberglassfenstern und verblichener Farbe. Mal schauen…

Kommentare(1)






