“Wieder zurück auf die Autobahn?”
“Nee, fahr mal geradeaus.”
Marius und ich waren auf dem Weg zur Silvesterparty in einem Irish Pub im Richmond District von San Francisco und hatten uns etwas verfahren. Ich stand bereits auf der Spur zur Autobahnauffahrt, aber da die Spur links neben mir frei war, zog ich einfach rüber, nachdem die Ampel auf grün schaltete. 50 Meter später tanzten plötzlich bunte Lichter in meinem Rückspiegel, und wir hörten das vertraute Geräusch einer kurz aufheulenden Polizeisirene. Kein Zweifel, das galt uns, wir wurden angehalten, oder “rübergezogen”, wie die Amis das wörtlich übersetzt nennen. Das erste Problem in so einer Situation: Einen sicheren Ort zum Anhalten zu finden, ohne den Eindruck zu erwecken, man möchte abhauen. Wir fuhren langsam in eine Seitenstraße. Nur um auf Nummer sicher zu gehen, heulte die Polizeisirene noch einmal auf, und endlich fanden wir eine geeignete Stelle.
Ein freundliches, junges Polizistengesicht schaute durchs offene Seitenfenster. Wir seien geradeaus gefahren, wo wir eigentlich auf die Autobahn hätten fahren müssen. “Richtig. Wir haben uns verfahren.” Ich reichte Führerschein, Zulassung und Versicherungsnachweis aus dem Fenster. Wieviel ich getrunken hätte? Ich dachte mir, “Ehrlich währt am längsten”, und antwortete wahrheitsgemäß: “Ein Bier”. Sicher, nur eins? Was für ein Bier das denn gewesen sei? “Heineken”, antwortete ich wie aus der Pistole geschossen, und eine Sekunde später fiel mir ein, dass es eigentlich ein Beck’s gewesen war, ich kann die nie auseinanderhalten, beide in dieser grünen Flasche und in etwa gleich häufig von mir konsumiert. Doch um den Cop nicht weiter zu verwirren, verkniff ich mir die Korrektur. Nun sollte ich nur mit den Augen der Fingerspitze des Polizisten folgen, eine meiner leichtesten Übungen, die ich offenbar zur Zufriedenheit des Officers ausführte. Wieviel Bier das denn nochmal gewesen seien? Ich durchschaute seine knallharte Verhörtaktik, die nur darauf ausgelegt war, mich in Widersprüche zu verstricken, und blieb eisern bei meiner Version des Tathergangs: “Eins.” Er verschwand zu seinem Wagen, um meine Papiere zu überprüfen. Nach einer gefühlten Ewigkeit kehrte er zurück, drückte sie mir in die Hand und wünschte uns noch einen schönen Abend, nicht ohne die Ermahnung, vorsichtig zu sein, es sei ja schließlich Silvester.
Erleichtert startete ich den Wagen. Wir mussten in die Gegenrichtung, doch die Fahrbahnen waren durch zwei gelbe Linien getrennt. Darf man da wenden? Ich wartete einfach, bis der Cop außer Sichtweite war und führte eine lupenreine Dreipunktwendung durch, bei dessen zweitem Punkt mir auffiel, dass hinter dem bereits losgefahrenen Cop noch ein Fahrzeug der Highway Patrol gewartet hatte. Der darin sitzende Beamte mit einem deutlich weniger netten Gesicht beschränkte sich aber nur darauf, mich böse anzuschauen. Und nochmal Glück gehabt.
In allen Zeitungen waren wie jedes Jahr große Polizeieinsätze angekündigt worden, und ich konnte mich also selbst davon überzeugen, dass das keine leere Drohung war. Im Radio lief tagsüber alle 15 Minuten ein Werbespot mit einem James-Brown-mäßigen Song: “I’m your designated driver, baby!” Und heute war ich der designierte Fahrer, da ich keine Lust auf Alkohol und den unausweichlichen Kater hatte.
In der “Abbey-Taverne” warteten bereits die Freundesfreunde: Acht Frauen. Eine Deutsche, eine Schottin, zwei US-Philippinas und der Rest Amis. Wobei eine der Amerikanerinnen bereits so viel getrunken hatte, dass sie um halb elf von einer der Freundinnen nach Hause gebracht werden musste. Ich war noch etwas gezeichnet vom Jetlag, und außerdem hatte ich meine Lebensmittelallergie über die Feiertage und im Flugzeug nicht ganz so ernst genommen, was sich jetzt rächte: Ich sah ziemlich fertig aus. Trotzdem sprach mich jemand an: “My friend thinks you’re cute, do you wanna come over and dance with us?” Mit einer Mischung aus Nicken und Schulterzucken lehnte ich dankend ab. Das passierte mir jetzt schon zum dritten Mal während meines kurzen Aufenthaltes hier, und ich kann mich nicht erinnern, dass mich jemals in einer deutschen Kneipe jemand so angesprochen hatte. Überhaupt waren die Frauen ziemlich offensiv dort, das irritierte mich schon etwas. Deswegen, und auch aufgrund meiner Müdigkeit, war ich nicht traurig, als wie jeden Abend um zwei die Lichter angingen und der Türsteher das Ende der Nacht verkündete. Die Heimfahrt verlief ohne Zwischenfälle, obwohl die Polizeipräsenz und der Verkehr nach Sperrstunde wirklich beeindruckend war.
Heute dann begrüßte die Sonne ausgiebig das neue Jahr. So mild und sonnig, dass ich auf dem Balkon frühstücken konnte, mit Cappuccino und aus Deutschland mitgebrachtem Niederegger-Marzipan. Auf dem Sportplatz war es warm genug, um im T-Shirt zu laufen. Wettermäßig fing das Jahr auf jeden Fall gut an!
Es blieb auch noch genug Zeit heute, um beim nahegelegenen Elektronikmarkt die Neujahrsangebote mitzunehmen: Ein leises 600-Watt-Netzteil für meinen Rechner, das normalerweise $85 Dollar kostet, auf $55 runtergesetzt und mit $50 mail-in-rebate, so dass es im Endeffekt auf $5 hinausläuft. Nicht schlecht! Der 22-Zoll-Monitor von Samsung für $250 wanderte ebenfalls in meinen Einkaufswagen.
Ach ja, neue Gesetze traten in Kalifornien heute in kraft: Man darf nicht mehr beim Autofahren mit dem Handy telefonieren, allerdings wird das erst ab 1. Juli bestraft. Wenn sich Kinder im Auto befinden, darf man nicht mehr rauchen, allerdings ist das nur eine “kleine” Ordnungswidrigkeit, wegen der allein man nicht angehalten werden darf. Oh, und Arbeitgeber dürfen ab heute nicht mehr von ihren Angestellten verlangen, sich zu Identifikationszwecken Mikrochips unter die Haut implantieren zu lassen. Wurde auch höchste Zeit!