Basic Cruising 2: Unverhofft kommt oft

Basic Cruising, zweites Wochenende. Ich hatte mich schon fest darauf eingestellt, wieder mit Susanna und Bill auf einem Boot zu sein. Beim Einchecken war ich der erste, “Bill ist noch nicht da.” Nur Bill? Ich habe mir nichts weiter dabei gedacht und fing an, das Boot startklar zu machen, mit langsam wachsender Ungeduld, als ich nach zwanzig Minuten noch alleine war. Endlich tauchte Susanna auf, doch sie steuerte zielsicher auf ein anderes Boot zu. Also gab es zwei Boote diese Woche, und ich war mit Bill allein auf dem Boot? Komischer wurde es, als Bill vorbeikam, mich begrüßte und zum gleichen Boot ging. War ich also mit einem anderen, neuen Bill auf dem Boot? Es klärte sich aber schnell auf: Bill war tatsächlich auf meinem Boot, er hatte fälschlich angenommen, dass er wieder mit seiner Frau zusammen wäre. Wir waren allerdings vier Leute an diesem Wochenende, so dass wir in zwei Zweiergruppen aufgeteilt wurden, und Bill und Susanna wurden getrennt, weil sie beim Buchen des Kurses diesen Wunsch geäußert hatten. Sehr clever, denn nach meiner Erfahrung bei Basic Keelboat mit Lee und Rick lassen sich so einige Probleme vermeiden.

Kurze Zeit später tauchte unser Instruktor auf, Art. Etwas älter, ledergegerbte Haut. Je mehr Erfahrung, desto besser, richtig? Ich lag leider falsch, wie ich später feststellen musste. Zunächst lief alles wunderbar: Kurze Einführung in die Grundlagen der Navigation mit Karte und Kompass, wir schappten unsere große Lunchbox und machten uns auf nach Clipper Cove, um das Ankern zu üben. Der Schlag dorthin lief gut, endlich mal nicht zielloses Hin- und Hersegeln, nein wir hatten ein richtiges Ziel! Art fragte uns schon mal aus, was wir alles über das richtige Ankern wussten.

In der Bucht angekommen, gab es aber das erste Stirnrunzeln. Wie ist noch mal die richtige Prozedur beim Ankern? Hatte uns Art etwa ausgefragt nicht um uns zu prüfen, sondern um seinem Gedächtnis auf die Sprünge zu helfen? Zitat: “Es ist euer Kurs, ihr findet es schon raus!” Das war natürlich nur scherzhaft gemeint, trotzdem hinterließ es einen schalen Beigeschmack. Auf der Rücktour allerdings eskalierte es zwischen Bill und Art. Ich hatte das Gefühl, dass Art etwas schwerhörig war, vielleicht hatte er auch nur Probleme, meinen deutschen Akzent zu verstehen, und generell hatte er kein gutes Gespür dafür, die Ursache zu finden, wenn etwas schiefging, und es effektiv zu korrigieren, was insgesamt zu einem ziemlich frustrierenden Lernerlebnis wurde. So bekam er zum Beispiel nicht mit, als Bill beim Mann-Über-Bord-Manöver bei hohen Wellen das Übungsobjekt aus den Augen verlor (woran ich als designierter “Spotter”, der das Ziel immer in Auge halten sollte, Mitschuld war) und daraufhin das Manöver abbrach. Art kritisierte daraufhin, dass Bill nicht den richtigen Winkel zum Ziel ansteuerte, woraufhin der ansonsten sehr ruhige Bill die Fassung verlor und mit wildesten Flüchen Art anfuhr. Nach zehn Sekunden peinlicher Stille entschuldigte er sich, und wir machten weiter, als ob nichts gewesen wäre. Beim Einlaufen in den Hafen gab es einen weiteren Streitpunkt darum, wer den Motor startet. Unsere früheren Instruktoren ließen uns immer die Wahl: Entweder man gibt das Ruder an seine Crew ab und startet den Motor selbst, oder man steuert in Ruhe weiter und lässt die Crew den Motor starten. Art bestand aber darauf, dass der Skipper den Motor startet. Was das Fass dann zum Überlaufen brachte, war als Art bei einer Wende im Hafen, nach der wir kurz mit einem anderen Boot etwas ins Gehege kamen zu Bill meinte, “das war ein wenig gefährlich.” Art bezog das nur auf das killende Segel (kein Wind im Segel -> keine Fahrt -> kein Steuern möglich), Bill hatte das aber als Kritik an seiner Entscheidung eine Wende zu fahren verstanden. Er hatte keine andere Wahl, denn das Dock war zwei Bootslängen entfernt.

Nach dem Anlegen Anlegen gab es die übliche Manöverkritik, und Bill und Art einigten sich darauf, dass Susanna und Bill am Sonntag Boote tauschen würden. Auch wenn Art sicher nicht der beste Instruktor war, den ich bis dato hatte, hatte ich kein großes Problem mit ihm, und hatte so nicht unbedingt das Bedürfnis, zu tauschen. Trotzdem ging ich an diesem Abend mit weitaus weniger Vorfreude ins Bett als an den anderen Tagen.

Am nächsten Morgen traf ich zur gleichen Zeit wie Susanna ein. Nur, warum war sie allein? Wie sich herausstellte, hatte ihr Babysitter kurzfristig abgesagt, und Bill musste zu Hause bleiben. Nicht gerade zu meiner Überraschung teilte sie mir mit, dass Bill gerade etwas Stress im Büro hatte, und deswegen wohl etwas von der Rolle war. Das hieß, statt zwei Zweierbooten wurden wir wie gewohnt zu dritt auf ein Boot verlegt, und zu meiner Freude war nicht Art unser Instruktor, sondern Allan. Keine Ahnung, inwieweit der Vortag zu dieser Entscheidung beigetragen hatte, aber meine Laune verbesserte sich schlagartig. “Neues Spiel, neues Glück” beim Instruktor, wir waren wieder zu dritt, was sehr viel weniger stressig ist, dann man hat ab und zu eine Pause um etwas zu trinken, eine Jacke an- oder auszuziehen oder einfach um etwas zu entspannen, und unser dritter Mitstreiter, Tahia, war zudem weiblich und in meinem Alter.

Der Tag brachte keinen neuen Stoff, wir übten noch einmal alle in der Prüfung verlangten Punkte, und verbrachten noch einige Zeit damit, das Segeln im Hafen zu trainieren, mit extrem viel Verkehr. Offenbar war das die Situation, in der die meisten Unfälle passieren. Der Motor fällt aus, und plötzlich ist man manövrierunfähig und treibt auf die Docks oder dort liegende Boote zu. Aber zum Glück hat man noch die Segel! Während wir das übten, fand sich wie auf Bestellung ein Charterboot in genau dieser Situation und demonstrierte, wie man es nicht macht. Mit gesetztem Großsegel hielten sie mit mehr oder weniger voller Geschwindigkeit windabwärts auf ein Dock zu. Ein Crewmitglied sprang auf den Anleger und versuchte das Boot festzuhalten, was bei 20-30km/h Windgeschwindigkeit so gut wie unmöglich ist. Sie wurde quer über den Bootsanleger gezogen und konnte zum Glück in letzter Sekunde die Leine loslassen. Das Boot trieb jetzt mit einem Crewmitglied weniger auf die Ausflugsdampfer zu. Unser Skipper rief inzwischen per Handy den Segelclub an, damit sie ein Motorboot zum Abschleppen schickten. Es endete glimpflich: Es gelang ihnen, relativ sanft am Ausflugsdampfer zu stoppen, und sie bekamen den Motor zum Laufen und konnten ihre verlorengegangene Mitseglerin einsammeln. Unsere Trockenübung, die vorher etwas konstruiert und theoretisch erschien, kam uns plötzlich sehr viel praxisnäher und relevanter vor.

Der offizielle Schulungsteil von Basic Cruising war damit abgeschlossen. Bevor man die Prüfung in Angriff nimmt, kann man bei OCSC kostenlose Auffrischungskurse belegen, und zwar solange, bis der Instruktor das grüne Licht für die Prüfung gibt. Ich hätte eventuell die Prüfung gleich geschafft, aber warum die Eile und kostenlose Segelstunden aufgeben? So hatte ich heute meinen ersten “Review”, wieder mit komplett neuen Leuten (Bill Nummer drei, arg), und nächsten Sonntagvormittag eine weitere, mit der Prüfung am Nachmittag. Drückt mir die Daumen!

Dieser Meerotter schwamm mir nicht in der Bay vor die Linse, sondern am Pazifik. Im Hafenbecken von Berkeley sind aber fast täglich Seerobben zu sehen, die durch die Kanäle schwimmen.

Basic Cruising 1

Der Drang wurde immer größer: Nach zwei Monaten Pause musste ich wieder auf’s Wasser und das nächste Segelzertifikat erlangen. Am besten wäre es gewesen, einen Urlaub mit dem Kurs zu verbinden, aber die Angebote waren entweder zu teuer oder vom falschen Segelverband (mein erstes Zertifikat ist von US Sailing, aber American Sailing Association-Kurse (ASA) sind offenbar weiter verbreitet). Nach den langen Autofahrten für Basic Keelboat wäre auch etwas näher gelegenes wünschenswert gewesen, aber die Schule in Redwood City bietet auch nur ASA an. Sie ist $200 günstiger als die Schule in Berkeley (OCSC), allerdings ist der Unterschied erklärbar, wenn man genauer hinschaut: In Redwood City sitzt man vormittags im Theorieunterricht und geht nachmittags zu viert mit dem Lehrer aufs Wasser, bei OCSC hat man maximal 20-30 Minuten Theorie und verbringt den ganzen Tag auf der Bay, mit nur drei Schülern. Der Theorieteil ist extra. Außerdem gibt es drei Monate lang kostenlose “review sessions”, und die meisten brauchen drei bis vier davon, um Basic Cruising zu bestehen. Ich war zufrieden mit OCSC, warum sollte mich also die Autostunde abhalten? Ein Anruf später, und ich hatte meinen Platz reserviert.

Allerdings gab es ein kleines Problem: Ich war der einzige. Man bot mir an, statt des Wochenendes einen Tag Einzelunterricht zu erhalten. Ich stimmte zu, nach fünf Minuten nachdenken rief ich allerdings zurück und verschob stattdessen. Einzelunterricht bedeutet: Keine Pausen, kein Beobachten und von den Fehlern anderer lernen, und vor allem, nur einen Tag auf dem Wasser statt zwei.

Am Samstag war es dann soweit: Die Autobahn war frei, pünktlich traf ich ein und checkte wie ein alter Hase die Bootsschlüssel aus, notierte wichtige Daten über Wind, Gezeiten und Strömungen und holte meine Schwimmweste und den Friesennerz ab. Dabei traf ich meine Mitschüler: Susanna und ihr Mann Bill, ungefähr mein Alter, ebenfalls aus Mountain View. Sehr nett, das passte schon mal, jetzt muss nur noch der Lehrer stimmen, dann würde einem großartigen Wochenende nichts im Wege stehen. Nachdem wir das Boot startklar gemacht hatten, waren wir unschlüssig, ob wir am Boot auf den Instructor warten oder ob wir zum Büro zurückgehen sollten. Wir beschlossen nachzufragen, und trafen auf dem Weg auf Bill, mein Lehrer am allerersten Tag, den ich in guter Erinnerung hatte, und zufälligerweise auch Susanna und Bill (richtig, zwei Bills). Als ich zurückschaute, sah ich, dass Bill, der Instruktor, unser Boot betrat. Bingo! Mit ihm kam ich richtig gut klar, und ich hatte noch einige Fragen an ihn, denn mittlerweile habe ich erfahren, dass er seit zehn Jahren auf seinem Boot wohnt, und vor kurzem seinen Job als Chemie-Ingenieur an den Nagel gehängt hat, um am Wochenende Segelkurse zu geben. Nebenbei arbeitet er noch als Fotograf, aber ich bezweifele, dass das viel mehr als ein Hobby ist.

Auf dem Wasser stellte ich erleichtert fest, dass ich nicht viel verlernt hatte und dass es keinen großen Kontrast zu Susanna und Bill gab, die Basic Keelboat gerade am vergangenen Wochenende hinter sich gebracht hatten. Die Bay zeigte sich von ihrer stürmischen Seite, mit Winden bis zu 60 Stundenkilometern und ca. 1-1,50m hohen Wellen. Wir übten das Reffen, zu dem man vorn am Mast rumturnen muss, bei solchen Wellen schon etwas abenteuerlich. Zum Glück stellt die Schule wasserdichte Seeanzüge, nur meine neuen Schuhe stellten sich als nicht wasserdicht heraus, und ich musste das anschließende Barbecue mit nassen Socken verbringen, obendrein noch allein, denn Susanna und Bill mussten ihren Babysitter ablösen, und Bill der Segellehrer hatte etwas anderes vor. Wieder einmal fiel mir die Offenheit und Gesprächichkeit der Amerikaner auf, denn auch ohne jemanden zu kennen unterhielt ich mich gut.

Am Sonntag übten wir das Manövrieren im Hafen unter Motor und unter Segel, und am Nachmittag segelten wir nochmal raus, um das Reffen zu üben. Ich war schon etwas müde, und steuerte bei einer Halse nicht genug gegen, so dass wir “gierten”, was soviel heißt dass sich das Boot mit großer Krängung unkontrolliert in den Wind dreht. Sehr unangenehm, und es knabberte schon stärker an mir als ich gedacht hätte. Das erste Mal, dass ich eine Halse versaute, und dass am sechsten Tag, nachdem ich dachte, dass ich eigentlich alles drauf hätte.

Am nächsten Wochenende steht der erste “richtige” Segeltörn auf dem Programm. Wir segeln nach Treasure Island zwischen San Francisco und Berkeley, üben dort das Ankern und verbringen die Mittagspause dort. Ich freue mich schon!

Basic Keelboat, Epilog

Der Regen war weitgehend weg, leider aber auch der Wind. Es war der abschließende Sonntag des Lehrgangs, und wir machten dort weiter, wo wir aufgehört hatten: Mann über Bord! Mittlerweile konnte ich die Schritte im Schlaf: Rettungsring werfen, einen Mitsegler anweisen, den Unglücksraben im Blick zu halten, auf halben Wind gehen (so dass der Wind genau von der Seite kommt), 3-4 Bootslängen segeln, Q-Wende auf Raumschotkurs machen (so dass der Wind von schräg hinten kommt, fieren des Großsegels nicht vergessen), den eigenen Weg kreuzen und Kurs auf das Opfer nehmen. Ist noch Wind im Großsegel, sofort stark abfallen und wieder anluven. Hat man nicht Genug Geschwindigkeit, durch Dichtholen des Großsegels Fahrt aufnehmen. Alles ganz einfach also… Komischerweise war es viel einfacher, als der Lehrer ruhig war und keine Tipps mehr gab. Wieder kriselte es etwas zwischen Rick und Lee. Ich glaube am Schluss hat Kevin ihr empfohlen, noch etwas mehr zu üben (sprich, sie hat den praktischen Teil nicht bestanden).

Kurz vor Mittag gab es aber noch eine kleine Überraschung: Es gab einen Knack, und die Pinne fühlte sich plötzlich extrem wackelig in meiner Hand an. Eines der Metallscharniere war glatt durchgebrochen. Wir nahmen sofort die Segel runter und warfen den Motor an, um den Hafen anzusteuern, der zum Glück nur 500 Meter entfernt war. Nicht weiter wild, aber es war eine nette Erinnerung daran, dass an einem Segelboot immer Dinge kaputtgehen können und man immer einen Plan B haben muss. Das hieß, dass wir nochmal das Klar Schiff machen und Anschlagen der Segel am Ersatzboot üben durften.

Am Ende des praktischen Teils ließ mich Kevin wissen, dass ich bestanden hatte. Am Mittag hatte ich mich bereits zu den beiden Workshops angemeldet, die im Preis des Kurses inklusive waren, und da misslungene Versuche der theoretischen Prüfung ohne Konsequenz sind, wagte ich mich sofort nach dem Abschlussbier an die 88 Multiple-Choice-Fragen. 75% sind nötig zu bestehen, und ich erreichte immerhin 88%, wobei ich glaube, dass Bill “aus Versehen” eine falsche Antwort übersah. Und da mit Bill zufällig mein Instrukteur von der letzten Woche anwesend war, konnte er auch vor Ort meinen Segelschein unterschreiben, so dass ich ihn mit nach Hause nehmen konnte. Ich weiß nicht, wie die deutschen Scheine aussehen, aber der US-Segelverband gibt ein nettes Büchlein im Reisepassformat aus, in das glitzernde Sticker geklebt werden und das gleichzeitig als “Logbuch” für absolvierte Segeltörns dient.

Klar, dass “Basic Keelboat” nicht der einzige Sticker in meinem Buch bleiben soll.

Basic Keelboat 2

Nach einer wie im Flug vergangenen Arbeitswoche und nachdem ich gestern zum letzten Mal einen Scheck für die Miete bei Highland Gardens einreichte, war am Wochenende die zweite Hälfte des Segelkurses angesagt.

Um 6:15 Uhr klingelte der Wecker, eine ungewöhliche Zeit für Samstagmorgen, denn um 8:15 Uhr musste ich bereits am Boot in Berkeley sein um es startklar zu machen. Ebenfalls ungewöhnlich war der Regen, zumindest für diese Jahreszeit. Normalerweise regnet es zwischen April und Oktober nicht, wenn überhaupt, tröpfelt es für ein paar Minuten. Am Freitag tröpfelte es allerdings bereits den ganzen Tag, und auch am Samstag schien sich das nicht zu ändern.

Am Boot traf ich wieder auf Lee und Rick, mit denen ich auch schon am letzten Wochenende ein Boot teilte. Als wir die Segel anschlugen (Danke an Georg fürs Übermitteln des Fachbegriffs) traf ein großer, zotteliger Mann auf, der wie eine zehn Jahre jüngere Version von Helge Schneider aussah. Wie sich später herausstellte, handelte es sich dabei um Kevin, unseren Instructor fürs Wochenende. Die Handgriffe saßen schon besser als letzte Woche, und langsam entwickelte sich Selbstbewusstsein und sowas wie Routine (“Inspire Confidence” ist das übrigens Motto des Clubs). Pünktlich beim Ablegen setzte der Nieselregen ein, der aber dank des bereitgestellten Regenzeugs überhaupt kein Problem darstellte.

Kleine Kielboote (wir Lernen übrigens auf einer J24 mit 24 Fuß Länge über alles) machen übrigens maximal um die fünf Knoten, das sind um die zehn Kilometer pro Stunde, ein Geschwindigkeitsrausch kommt dabei also kaum auf. Die Faszination liegt wohl eher darin, die Naturgewalt Wind zu spüren und auszunutzen, und sich dabei frei über die Erdkugel zu bewegen, ohne von Straßen eingeschränkt zu sein.

Das zentrale Element an diesem Tag war das allseits beliebte Mann-über-Bord-Maneuver, was unter Segel seine eigenen Herausforderungen hat. Ohne Bremse und mit dem Wind als Antrieb, der nur in bestimmte Richtungen funktioniert, muss man neben dem Unglücksraben (in diesem Fall ein Plastikkanister, der in einem früheren Leben mal Orangensaft enthielt) praktisch zum Stehen kommen. Man erreicht dies praktisch durch eine Reihe mehr oder weniger komplizierter Maneuver, während denen man sich um die Pinne, die Großschot (zum “Spannen” und “Lockerlassen” des Großsegels), und seine Position und Richtung relativ zum Wind und zum Ziel kümmern muss.

Ich habe gelesen, dass es für Segellehrer eine der schwierigeren Situationen ist, ein Paar auf dem Boot zu haben, vor allem wenn der Mann schon etwas mehr Segelerfahrung hat, was genau unsere Situation an Bord war, wobei aber letzte Woche alles glattlief. Diesmal jedoch war Lee etwas überfordert, und als auch Rick anfing, vermeintlich hilfreiche Tipps zu geben, hatte sie plötzlich zwei Lehrer, was in dieser Lage nicht wirklich weiterbringt und eher verwirrt. Nach zwei unbeabsichtigten Halsen (keine große Sache, aber eine der wenigen gefährlichen Situationen beim Segeln, weil der Großbaum auf Kopfhöhe übers Deck fegt) flossen dann auch ein paar Tränen. Das perfekte Mann-über-Bord-Maneuver gelang auch mir nicht, aber immerhin konnte ich bei 90% der Versuche den Kanister beim ersten Versuch aus dem Wasser fischen. Morgen ist noch ein Tag um das zu üben, der Wecker ist schon auf 6:15 Uhr gestellt…

Basic Keelboat 1

“Incident on N-880, 2 right lanes closed”, also “Vorfall auf Autobahn 880 nordwärts, die rechten beiden Spuren gesperrt”, verkündeten die elektronischen Anzeigen am Straßenrand. Noch war der Verkehr aber recht flüssig. Wie schlimm kann das schon sein, am Samstagmorgen um 8 Uhr? Ich war auf dem Weg nach Berkeley, zu meinem ersten offiziellen Segelkurs. Nachdem ich in Europa schon zweimal je eine Woche in das Leben an Bord hineingeschnuppert hatte, wollte ich endlich eine “richtige” Ausbildung erhalten. In Hamburg und am Bodensee ist es leider nie dazu gekommen, und jetzt hatte ich eines der schönsten Segelreviere vor der Nase, da wäre es fast ein Verbrechen, nicht den Hintern hochzubekommen und es endlich zu wagen. Die Kurse für “große” Segelboote mit Kiel sind hier in den USA standardisiert, angefangen mit “Basic Keelboat”, dann “Basic Coastal Cruising”, “Bareboat Chartering”, “Advanced Coastal Cruising”, “Offshore Passagemaking” und so weiter und so fort. Es ist zwar zum Segeln nicht erforderlich so einen Schein zu haben, findet man ohne fast keinen Charterer, der einem ein Boot überlässt. Der erste Kurs wird meist in drei bis fünf Tagen gelehrt und mit einer Prüfung abgeschlossen. Hier in der San Francisco Bay kostet der Spaß zwischen $400 und $900. Die nächste Segelschule ist 20 Autominuten von mir entfernt, im Internet wird allerdings eine Schule in Berkeley empfohlen, die auch den Vorteil hat, mit nur drei Schülern pro Lehrer und Boot zu arbeiten, statt mit vier oder fünf Schülern wie andere Segelschulen. Das Problem: Berkeley ist genau an der gegenüberliegenden Ecke der Bucht, eine knappe Autostunde entfernt, wenn es nicht gerade Stau gibt.

Plötzlich taucht eine Autowand vor mir auf, alles verlangsamte sich zu Schritttempo. Mist. Endlich auch eine Radioansage, ein LKW hätte einen Unfall gehabt, und dabei Dreck und Trümmerteile über die Fahrbahn verstreut. Drei Spuren seien gesperrt. Drei Spuren? Die Schilder hatten nur von zweien gesprochen. Ich rief die Segelschule an, um meine Verspätung zu melden. Offenbar war ich nicht der einzige. Als ich eine halbe Stunde später den Unfallort passierte, war mir klar wie das passieren konnte, der Zustand der Straße war eine Katastrophe. Ich hatte wirklich Angst um meine Reifen und Achsen. Endlich an der Segelschule angekommen war natürlich kein Parkplatz mehr zu finden. Nach weiteren zehn Minuten Suche stürmte ich in das Büro. Zum Glück waren sie noch im Schulungsraum, ich hatte nicht soo viel verpasst. Sechs “Schüler” waren dabei, ein Paar und zwei Männer um die 40, eine Frau in meinem Alter und ich. Der Lehrer war der typische Segler mit wilden zerzausten Haar und ledergegerbter Haut, und erinnerte mich ein wenig an Mr. Garrison, der Lehrer aus South Park.

Die Segel-Terminologie ist eine Sprache für sich. Ich hatte gerade ein paar Begriffe auf Deutsch gelernt, und musste nun alles neu auf Englisch lernen. Ich hatte irgendwie im Hinterkopf, dass viele Schifffahrtsbegriffe aus dem Deutschen sich ins Englische verirrt hatten, wie z.B. “Lee”, was auf Englisch genauso heißt, aber da hatte ich mich verrechnet. Vorsegel = jib, Fall = halyard, Halse = jibe, Wende = tack, Palstek = bowling, Pinne = tiller… Aber immerhin: Reffen = reefing, Schot = sheet. Ich wurde auf das Boot mit dem Paar eingeteilt, vermutlich weil ich schon etwas Erfahrung hatte. Wir lernten, die Segel anzubringen (es gibt sicher einen deutschen Fachausdruck dafür, mit denen ich jetzt leider nicht dienen kann), abzulegen, aus dem Hafen zu navigieren, und sind ein wenig vor der Marina hin- und hergesegelt. Das Wetter war fast perfekt, es war lediglich etwas kühl.

Interessanterweise lebt unser Lehrer auf seiner 44-Fuß-Segelyacht im Yachthafen von Berkeley. Ich werde ihn bestimmt noch viel darüber ausfragen, denn ich finde diese (gezwungenermaßen) minimalistische Lebensweise sehr interessant. Die pure Möglichkeit, fast jederzeit die Leinen loszumachen und einfach den nächsten Hafen anzusteuern, hat wirklich was. Und außerdem kostet ein Liegeplatz mit Wohngenehmigung weniger als halb so viel wie eine Zweizimmerwohnung.


Park am Yachthafen von Berkeley, mit Blick auf San Francisco
 

Das Paar mit dem ich auf dem Boot war, Lee und Rick, hatte sich vor eineinhalb Jahren eine kleine 22-Fuß-Yacht gekauft. Als ich weiter nachfragte, stellte sich heraus, dass der Hafen von Berkeley ab und zu Yachten versteigert, die beschlagnahmt wurden, weil seit einem Jahr keine Liegegebühren gezahlt wurden. Das Startgebot liegt normalerweise bei $250, und das war auch der Preis, den sie für ihre Yacht gezahlt hatten. In der aktuellen Wirtschaftslage geben wohl viele Leute einfach ihre Boote auf, und die Nachfrage ist gering weil wenige sich einen neuen finanziellen Klotz ans Bein binden wollen.
Der Vorbesitzer hatte an Bord gelebt und er war wohl nicht der ordentlichste Typ, so dass sie also etwas aufräumen mussten, und der Rumpf wurde seit fünf Jahren nicht gesäubert und neu gestrichen, was ebenfalls einiges an Arbeit kostete. Aber an Bord fanden sie ein funktionierendes GPS (geschätzter Wert: $200), und der Elektro-Motor lief auch, sowas kostet neu um die $4.000. Sie hatten also ein echtes Schnäppchen geschossen…


Alter VW-Bus am Yachthafen

Nach dem Kurs fand zufällig auch das Frühlings-Grillfest der Segelschule statt, so dass ich Freibier, Hamburger und Hotdogs genießen konnte, während ich mit Lee und Rick über Gott und die Welt redete. So lässt es sich leben… Nach dem Grillen machte ich mich gleich auf den Weg zum ”Gefängnissteg” um einen Blick auf die aktuellen beschlagnahmten Yachten zu werfen. Zwei größere Segelboote um 35 Fuß lagen dort, groß genug um bequem darauf wohnen zu können. Allerdings auch ziemlich heruntergekommen, mit blinden Fiberglassfenstern und verblichener Farbe. Mal schauen…