Autofahren in Kalifornien
Das Autofahrerdasein in Kalifornien ist schon ein anderes als in Deutschland, irgendwie etwas chaotischer, aber trotzdem entspannter. Die Straßen jedoch sind in jämmerlichem Zustand, und auch die “$1000 fine for littering” schrecken offenbar zuwenig Leute ab, ihren Müll aus dem Fenster zu werfen oder an der Autobahn abzustellen. Hier mal die Hauptunterschiede:
Kein Rechtsfahrgebot: Es ist zwar generell empfohlen, sich auf der Autobahn rechts zu halten wenn man langsamer unterwegs ist, und Lastwagen und Gespanne mit Anhänger müssen auch rechts fahren, allerdings ist rechts überholen nicht verboten.
Carpool lanes: Wegen des Rautensymbols auf dem Asphalt auch “diamond lanes” genannt. Diese Spuren sind Fahrgemeinschaften vorbehalten. Man muss allerdings aufpassen, welche Regeln für den jeweiligen Abschnitt gelten. Auf manche darf man schon ab zwei Personen im Fahrzeug, für andere muss man gar mit drei Personen aufwarten. Manche sind ab 19 Uhr und am Wochenende auch für Solo-Fahrer offen, auf anderen gelten die Regeln rund um die Uhr. Meist ist dies die linke Spur auf Autobahnen, was zu einem kleinen Problem führt: Viele ziehen nach dem Auffahren auf die Autobahn gnadenlos von rechts über alle 4-5 Spuren auf die Carpool lane, und ebenso rücksichtslos wird die Autobahn auch wieder verlassen. Besonders schlimm ist es, wenn zwei wichtige Autobahnen kreuzen. Die oft zu sehende Lösung: Eine abenteuerliche Betonbrückenkonstruktion, die auf Stelzen die einzelne linke Spur einer Autobahn mit der linken Spur einer anderen Autobahn verbindet.
Kurze Auffahrten: Es mag ein Phänomen meiner näheren Umgebung hier sein, aber die Autobahnauf- und abfahrten sind oft wahnwitzig kurz und ohne Trennlinie. Oft wird einfach die rechte Spur etwas breiter, und man wird mit einer 20 Meter langen Rampe auf die Autobahn geworfen, und muss mit dem fließenden Verkehr aushandeln, wie man sich einfädelt. Das funktioniert allerdings erstaunlich gut. Vorsicht auch bei Abfahrten: Man muss genau aufpassen, ob man auf der Straße, auf der man landet, eine eigene Spur hat, oder ob man sich einfädeln muss. Oft gibt es weder Haltelinie noch Vorfahrt-Gewähren-Schild.
Schnelle LKW: Brummis ohne Anhänger dürfen genauso schnell fahren wie Autos, die mit Anhänger müssen theoretisch 10mph (etwas 18km/h) langsamer fahren. “Theoretisch”, weil sich in der Praxis kaum jemand daran hält. Die Folge ist ein angenehmer Verkehrsfluss, der kaum von LKW gebremst wird.
Ampeln: Gewöhnungsbedürftig im Stadtverkehr ist vor allem, dass die Ampeln hinter der Kreuzung angebracht sind. Am Anfang muss man aufpassen, dass man nicht der deutschen Gewohnheit nachgibt, bis zur Ampel vorzufahren, und beim Abbremsen verschätzt man sich anfangs oft, weil man gewohnheitsmäßig den Abstand zur Ampel als Anhaltspunkt für den Bremsweg nimmt. Auch beim Linksabbiegen kann es zur Verwirrung kommen, wenn man plötzlich eine rote Ampel vor sich sieht. Diese ist aber natürlich für den Querverkehr von rechts bestimmt.
Die Ampelphasen haben weniger Sicherheitspuffer, also sollte man vor dem Losfahren immer noch schauen, ob nicht doch noch jemand kommt. Und beim Linksabbiegen sollte man sich eher den Versuch verkneifen, noch das tiefgelbe Licht zu schlagen, sonst kann es gut sein, dass man plötzlich im startenden Gegenverkehr landet.
Rechtsabbiegen bei Rot: Rechtsabbiegen bei Rot ist grundsätzlich erlaubt, man muss es allerdings wie ein Stopschild handhaben und kurz anhalten. Wo es nicht erlaubt ist, sind entsprechende Hinweisschilder angebracht (”no right turn on red“). An der großen Straße “El Camino Real” in Sunnyvale gibt es eine Kuriosität: Eine Ampel, die nie grün wird. Der Hintergrund ist, dass man an dieser Stelle weder links abbiegen noch geradeaus fahren darf. Wenn man das Rechtsabbiegen bei Rot nicht gewohnt ist, kann man also eine lange Zeit an dieser Ampel verbringen…
Ebenfalls interessant: Wenn es eine Abbiegerspur gibt, die rechts neben der Ampel vorbeigeht, dann muss man nicht einmal anhalten, sondern nur Vorfahrt gewähren. Das ganze funktioniert sehr gut, wird aber auch dadurch erleichtert, dass es sehr wenig Radfahrer und Fußgänger gibt, auf die man aufpassen muss.
Gut sichtbare Straßenschilder: Wichtige Straßennamen sind meist gut sichtbar auf großen grünen Schildern über der Kreuzung aufgehängt, was die Orientierung sehr erleichtert. Im Gegensatz zu Deutschland, wo man sich den Hals ausrenkt, um diese lächerlichen kleinen blauen Straßenschilder zu erspähen und zu entziffern…
Four way stops: In Wohngebieten herrscht nicht wie in Deutschland das Mantra “rechts vor links”, vielmehr sind hier sogenannte four way stops das Mittel der Wahl. Das heißt, dass an jeder der vier (oder mehr) Seiten der Kreuzung ein Stopschild steht. Wenn zwei oder mehr Autos an solch einer Kreuzung aufeinander treffen, fährt derjenige zuerst, der zuerst zum Stehen kam. Oft kann man das natürlich nicht so genau entscheiden, und dann fährt einfach derjenige zuerst, der es am eiligsten hat. Es ist erstaunlich, wie zuvorkommend hier die Amerikaner teilweise sind. Vorsicht ist geboten, wenn man bereits gestoppt hat und ein Fahrzeug von der Seite angefahren kommt. Hier sollte man sich noch einmal vergewissern, ob es sich tatsächlich um eine four way stop-Kreuzung handelt. Wenn man fälschlicherweise davon ausgeht, dass das Auto ebenfalls anhalten muss und man einfach losfährt, kann das böse enden. An gefährlicheren Stellen gibt es Hinweisschilder wie “cross traffic does not stop” (Querverkehr hält nicht) oder “two way stop“, aber längst nicht überall. Zum Glück erkennt man das achteckige Stopschild auch von hinten und kann so definitiv sehen, ob der Querverkehr anhalten muss.
Kein Herz für Fußgänger: Die Straßen sind zwar extrem großzügig und breit hier, um alle pickup trucks und SUVs aufnehmen zu können, ordentlich Fußwege standen dabei aber nicht auf dem Plan. Als Fußgänger außerhalb der Haupteinkaufstraße hat man oft schlechte Karten: Entweder es gibt überhaupt keinen Bürgersteig, oder er hört abrupt auf. Auch hat man misstrauische Blicke zu ertragen, denn wer geht denn schon zu Fuß? Nur Habenichtse, die sich kein Auto leisten können… Fahrradwege sind übrigens immer öfter zu sehen hier in der Bay Area, allerdings gilt das Fahrrad immer noch vorrangig als Sportgerät und nicht als Fortbewegungsmittel.

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