Der Weg zum Minimalismus
Als ich nach Kalifornien zog, musste ich über zwei Monate auf das Eintreffen meines Hausrats warten. Der Grund für die Verzögerung war ein Kommunikationsproblem, und es wäre sicher ein paar Wochen schneller gegangen, wenn ich einfach mal bei der Umzugsfirma angerufen hätte, um zu fragen, wo denn mein Zeug bliebe. Heute glaube ich, dass ich das nicht getan habe, weil ich meinen Krempel einfach nicht vermisst habe.
Ich hatte mir direkt bei einem bekannten schwedischen Möbelhaus ein Bett und eine Matratze gekauft, eine Decke und Bettwäsche, einen Hocker für meine Küchenbar, einen Teller, eine Tasse, eine Schüssel (alles weißes Porzellan), ein Glas, und ein Viererset Besteck, einfach weil es kein einzelnes zu kaufen gab. Mitgebracht hatte ich einen Koffer voller Kleidung und meinen Laptop. Das war eigentlich alles was ich an Hausrat zum Glücklichsein brauchte.
Als dann einige Wochen später der Umzugslaster kam und mein Wohnzimmer von Möbeln und Kisten überquoll, war ich deprimiert. Von wenigen Dingen abgesehen (wie Gitarre und Fahrrad) wollte ich eigentlich nichts mehr mit dem Krempel zu tun haben. Zwei Kisten gingen nach dem Öffnen und Inspizieren des Inhaltes direkt in den Müllcontainer. Traurig, denn dafür hatte die Umzugsfirma viel Geld kassiert, um es über die halbe Erdkugel zu schiffen. Aber die Mietwohnungen hier haben alle einen Einbau-Kleiderschrank, Lampen sind mit Schirm und Glühbirne versehen, Jalousien sind an den Fenstern.
Das Traurige ist, ich hatte schon vor dem Umzug nach Kalifornien viel ausgemistet. Zwei Autoladungen fuhr ich zum Recyclinghof, ein Dutzend Auktionen stellte ich bei eBay ein. Das Ganze kostete viel Kraft und Aufwand, nicht nur physisch, sondern auch emotional. Bei jedem Teil musste ich überlegen, ob ich es noch einmal gebrauchen könnte, wie der Wiederverkaufswert ausfallen wird, wieviel Platz es wegnimmt. Wenn man seinen Besitzstand um ein Drittel reduziert, glaubt man schon, einen guten Stück des Weges gegangen zu sein. Ich hätte nicht gedacht, dass es so deutlich wird, dass ich gerade erst den Anfang gemacht hatte.
Seitdem bin ich noch zweimal umgezogen, und ich bin immer noch dabei, meine Besitztümer Stück für Stück zu reduzieren. Bücher waren ein einfaches Opfer. Die meisten hatte ich einmal gelesen und dann nie wieder angefasst. Welchen Sinn macht es, solche Bücher zu horten? Als Trophäe, was man alles schon gelesen hat? Ich werde mir keine Bücher mehr kaufen, es sei denn, ich finde das Buch in keiner Bücherei in der näheren Umgebung und will es unbedingt lesen. Ähnliches gilt für DVDs und CDs. Beides geht heutzutage wunderbar digital über das Internet. Ich habe immer noch eine Kiste voll CDs, von denen ich seit ich hier bin vielleicht eine oder zwei herausgekramt und gehört habe. Das wird wohl die nächste Front sein.
Es gibt allerdings auch Rückschläge. Mit einer Gitarre hier angekommen, habe ich nun plötzlich drei. Davon ist mindestens eine überflüssig und wird demnächst gegen etwas Sinnvolleres eingetauscht. Auch Küchengeräten kann ich hier komischerweise nur schwer widerstehen. Standmixer, Reiskocher, Crock-Pot (Langsamkocher, gibt es das in Deutschland überhaupt?)…
Ich bin davon überzeugt, dass eine Wohnung voller Krempel das Unterbewusstsein belastet. Ich habe irgendwo gelesen, dass für Buddhisten der Besitz von Gegenständen, die man nie benutzt, schlechtes Karma bedeutet. Oder prosaischer ausgedrückt, jeder unbenutzte Gegenstand ist ein gebrochenes Versprechen, an das man ständig erinnert wird. Das Buch, dass man schon seit Monaten lesen wollte, das Musikinstrument, dass man spielen lernen wollte aber nie dazu gekommen ist, die Inlineskates, die man zweimal ausprobiert hat und jetzt in der Ecke liegen. Kleidung ist natürlich ein Thema für sich. Von all meinen Sachen im Kleiderschrank ziehe ich bestimmt gerade einmal 20% gern und häufig an. Alles andere sind die berüchtigten Schlaf-T-Shirts oder Sachen “für zu Hause rum”. Wieviel angenehmer wäre jeder Morgen, wenn man einfach irgendwas aus dem Schrank nehmen könnte, und man würde immer zu etwas Gutem greifen? Vielleicht sagt das allerdings auch mehr über mein mangelndes Einkaufstalent als über das Entrümpeln.
Kram kostet Zeit und Geld. Man bezahlt für den Platz um ihn aufzubewahren, man muss ihn sauberhalten, beim Umzug muss man Leute dafür bezahlen, ihn in die neue Wohnung zu tragen, oder man schleppt selber). Ein gutes Beispiel für Kosten ist mein PC. Wie gesagt hatte ich mir einen Laptop mitgebracht, in der Schiffsladung befand sich allerdings auch ein Desktop-PC. Vor der Entscheidung gestellt, ihn zu verkaufen oder zu behalten, konstruierte ich mir folgende Rechtfertigung: Wenn ich mir einen großen Monitor kaufe, spare ich mir die Anschaffung eines Fernsehers. Also kaufte ich mir ein neues 110V-Netzteil, einen Monitor, einen Schreibtisch. Die Festplatte versagte und ich musste auch diese ersetzen. Ich benutzte allerdings weiterhin zu 95% meinen Laptop, und natürlich kaufte ich mir trotzdem einen Fernseher, denn der Rechner war etwas laut und es war unpraktisch, ihn zum Fernsehen oder DVD schauen zu benutzen. Die Moral von der Geschicht’: Fast jeder Gegenstand zieht Kosten nach sich.
Den PC habe ich immer noch, allerdings nur, weil es der einzige Weg ist momentan, um von zu Hause aus zu arbeiten. Sobald unsere IT-Leute das Problem behoben haben, fliegt das Teil raus. Ich glaube, der Schreibtisch kann dann eigentlich auch weg.
Im Frühsommer habe ich ein kleines Experiment zum Thema Minimalismus vor, dazu später mehr. Hauptrollen spielen ein fernes Land, ein kleiner Rucksack und zwei Wochen Urlaub.

Ein Pelikan in Santa Cruz. Er brauch sich keine Sorgen um seinen Hausrat zu machen…
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