Basic Cruising 2: Unverhofft kommt oft
Basic Cruising, zweites Wochenende. Ich hatte mich schon fest darauf eingestellt, wieder mit Susanna und Bill auf einem Boot zu sein. Beim Einchecken war ich der erste, “Bill ist noch nicht da.” Nur Bill? Ich habe mir nichts weiter dabei gedacht und fing an, das Boot startklar zu machen, mit langsam wachsender Ungeduld, als ich nach zwanzig Minuten noch alleine war. Endlich tauchte Susanna auf, doch sie steuerte zielsicher auf ein anderes Boot zu. Also gab es zwei Boote diese Woche, und ich war mit Bill allein auf dem Boot? Komischer wurde es, als Bill vorbeikam, mich begrüßte und zum gleichen Boot ging. War ich also mit einem anderen, neuen Bill auf dem Boot? Es klärte sich aber schnell auf: Bill war tatsächlich auf meinem Boot, er hatte fälschlich angenommen, dass er wieder mit seiner Frau zusammen wäre. Wir waren allerdings vier Leute an diesem Wochenende, so dass wir in zwei Zweiergruppen aufgeteilt wurden, und Bill und Susanna wurden getrennt, weil sie beim Buchen des Kurses diesen Wunsch geäußert hatten. Sehr clever, denn nach meiner Erfahrung bei Basic Keelboat mit Lee und Rick lassen sich so einige Probleme vermeiden.
Kurze Zeit später tauchte unser Instruktor auf, Art. Etwas älter, ledergegerbte Haut. Je mehr Erfahrung, desto besser, richtig? Ich lag leider falsch, wie ich später feststellen musste. Zunächst lief alles wunderbar: Kurze Einführung in die Grundlagen der Navigation mit Karte und Kompass, wir schappten unsere große Lunchbox und machten uns auf nach Clipper Cove, um das Ankern zu üben. Der Schlag dorthin lief gut, endlich mal nicht zielloses Hin- und Hersegeln, nein wir hatten ein richtiges Ziel! Art fragte uns schon mal aus, was wir alles über das richtige Ankern wussten.
In der Bucht angekommen, gab es aber das erste Stirnrunzeln. Wie ist noch mal die richtige Prozedur beim Ankern? Hatte uns Art etwa ausgefragt nicht um uns zu prüfen, sondern um seinem Gedächtnis auf die Sprünge zu helfen? Zitat: “Es ist euer Kurs, ihr findet es schon raus!” Das war natürlich nur scherzhaft gemeint, trotzdem hinterließ es einen schalen Beigeschmack. Auf der Rücktour allerdings eskalierte es zwischen Bill und Art. Ich hatte das Gefühl, dass Art etwas schwerhörig war, vielleicht hatte er auch nur Probleme, meinen deutschen Akzent zu verstehen, und generell hatte er kein gutes Gespür dafür, die Ursache zu finden, wenn etwas schiefging, und es effektiv zu korrigieren, was insgesamt zu einem ziemlich frustrierenden Lernerlebnis wurde. So bekam er zum Beispiel nicht mit, als Bill beim Mann-Über-Bord-Manöver bei hohen Wellen das Übungsobjekt aus den Augen verlor (woran ich als designierter “Spotter”, der das Ziel immer in Auge halten sollte, Mitschuld war) und daraufhin das Manöver abbrach. Art kritisierte daraufhin, dass Bill nicht den richtigen Winkel zum Ziel ansteuerte, woraufhin der ansonsten sehr ruhige Bill die Fassung verlor und mit wildesten Flüchen Art anfuhr. Nach zehn Sekunden peinlicher Stille entschuldigte er sich, und wir machten weiter, als ob nichts gewesen wäre. Beim Einlaufen in den Hafen gab es einen weiteren Streitpunkt darum, wer den Motor startet. Unsere früheren Instruktoren ließen uns immer die Wahl: Entweder man gibt das Ruder an seine Crew ab und startet den Motor selbst, oder man steuert in Ruhe weiter und lässt die Crew den Motor starten. Art bestand aber darauf, dass der Skipper den Motor startet. Was das Fass dann zum Überlaufen brachte, war als Art bei einer Wende im Hafen, nach der wir kurz mit einem anderen Boot etwas ins Gehege kamen zu Bill meinte, “das war ein wenig gefährlich.” Art bezog das nur auf das killende Segel (kein Wind im Segel -> keine Fahrt -> kein Steuern möglich), Bill hatte das aber als Kritik an seiner Entscheidung eine Wende zu fahren verstanden. Er hatte keine andere Wahl, denn das Dock war zwei Bootslängen entfernt.
Nach dem Anlegen Anlegen gab es die übliche Manöverkritik, und Bill und Art einigten sich darauf, dass Susanna und Bill am Sonntag Boote tauschen würden. Auch wenn Art sicher nicht der beste Instruktor war, den ich bis dato hatte, hatte ich kein großes Problem mit ihm, und hatte so nicht unbedingt das Bedürfnis, zu tauschen. Trotzdem ging ich an diesem Abend mit weitaus weniger Vorfreude ins Bett als an den anderen Tagen.
Am nächsten Morgen traf ich zur gleichen Zeit wie Susanna ein. Nur, warum war sie allein? Wie sich herausstellte, hatte ihr Babysitter kurzfristig abgesagt, und Bill musste zu Hause bleiben. Nicht gerade zu meiner Überraschung teilte sie mir mit, dass Bill gerade etwas Stress im Büro hatte, und deswegen wohl etwas von der Rolle war. Das hieß, statt zwei Zweierbooten wurden wir wie gewohnt zu dritt auf ein Boot verlegt, und zu meiner Freude war nicht Art unser Instruktor, sondern Allan. Keine Ahnung, inwieweit der Vortag zu dieser Entscheidung beigetragen hatte, aber meine Laune verbesserte sich schlagartig. “Neues Spiel, neues Glück” beim Instruktor, wir waren wieder zu dritt, was sehr viel weniger stressig ist, dann man hat ab und zu eine Pause um etwas zu trinken, eine Jacke an- oder auszuziehen oder einfach um etwas zu entspannen, und unser dritter Mitstreiter, Tahia, war zudem weiblich und in meinem Alter.
Der Tag brachte keinen neuen Stoff, wir übten noch einmal alle in der Prüfung verlangten Punkte, und verbrachten noch einige Zeit damit, das Segeln im Hafen zu trainieren, mit extrem viel Verkehr. Offenbar war das die Situation, in der die meisten Unfälle passieren. Der Motor fällt aus, und plötzlich ist man manövrierunfähig und treibt auf die Docks oder dort liegende Boote zu. Aber zum Glück hat man noch die Segel! Während wir das übten, fand sich wie auf Bestellung ein Charterboot in genau dieser Situation und demonstrierte, wie man es nicht macht. Mit gesetztem Großsegel hielten sie mit mehr oder weniger voller Geschwindigkeit windabwärts auf ein Dock zu. Ein Crewmitglied sprang auf den Anleger und versuchte das Boot festzuhalten, was bei 20-30km/h Windgeschwindigkeit so gut wie unmöglich ist. Sie wurde quer über den Bootsanleger gezogen und konnte zum Glück in letzter Sekunde die Leine loslassen. Das Boot trieb jetzt mit einem Crewmitglied weniger auf die Ausflugsdampfer zu. Unser Skipper rief inzwischen per Handy den Segelclub an, damit sie ein Motorboot zum Abschleppen schickten. Es endete glimpflich: Es gelang ihnen, relativ sanft am Ausflugsdampfer zu stoppen, und sie bekamen den Motor zum Laufen und konnten ihre verlorengegangene Mitseglerin einsammeln. Unsere Trockenübung, die vorher etwas konstruiert und theoretisch erschien, kam uns plötzlich sehr viel praxisnäher und relevanter vor.
Der offizielle Schulungsteil von Basic Cruising war damit abgeschlossen. Bevor man die Prüfung in Angriff nimmt, kann man bei OCSC kostenlose Auffrischungskurse belegen, und zwar solange, bis der Instruktor das grüne Licht für die Prüfung gibt. Ich hätte eventuell die Prüfung gleich geschafft, aber warum die Eile und kostenlose Segelstunden aufgeben? So hatte ich heute meinen ersten “Review”, wieder mit komplett neuen Leuten (Bill Nummer drei, arg), und nächsten Sonntagvormittag eine weitere, mit der Prüfung am Nachmittag. Drückt mir die Daumen!
Dieser Meerotter schwamm mir nicht in der Bay vor die Linse, sondern am Pazifik. Im Hafenbecken von Berkeley sind aber fast täglich Seerobben zu sehen, die durch die Kanäle schwimmen.


