Basic Cruising 1
Der Drang wurde immer größer: Nach zwei Monaten Pause musste ich wieder auf’s Wasser und das nächste Segelzertifikat erlangen. Am besten wäre es gewesen, einen Urlaub mit dem Kurs zu verbinden, aber die Angebote waren entweder zu teuer oder vom falschen Segelverband (mein erstes Zertifikat ist von US Sailing, aber American Sailing Association-Kurse (ASA) sind offenbar weiter verbreitet). Nach den langen Autofahrten für Basic Keelboat wäre auch etwas näher gelegenes wünschenswert gewesen, aber die Schule in Redwood City bietet auch nur ASA an. Sie ist $200 günstiger als die Schule in Berkeley (OCSC), allerdings ist der Unterschied erklärbar, wenn man genauer hinschaut: In Redwood City sitzt man vormittags im Theorieunterricht und geht nachmittags zu viert mit dem Lehrer aufs Wasser, bei OCSC hat man maximal 20-30 Minuten Theorie und verbringt den ganzen Tag auf der Bay, mit nur drei Schülern. Der Theorieteil ist extra. Außerdem gibt es drei Monate lang kostenlose “review sessions”, und die meisten brauchen drei bis vier davon, um Basic Cruising zu bestehen. Ich war zufrieden mit OCSC, warum sollte mich also die Autostunde abhalten? Ein Anruf später, und ich hatte meinen Platz reserviert.
Allerdings gab es ein kleines Problem: Ich war der einzige. Man bot mir an, statt des Wochenendes einen Tag Einzelunterricht zu erhalten. Ich stimmte zu, nach fünf Minuten nachdenken rief ich allerdings zurück und verschob stattdessen. Einzelunterricht bedeutet: Keine Pausen, kein Beobachten und von den Fehlern anderer lernen, und vor allem, nur einen Tag auf dem Wasser statt zwei.
Am Samstag war es dann soweit: Die Autobahn war frei, pünktlich traf ich ein und checkte wie ein alter Hase die Bootsschlüssel aus, notierte wichtige Daten über Wind, Gezeiten und Strömungen und holte meine Schwimmweste und den Friesennerz ab. Dabei traf ich meine Mitschüler: Susanna und ihr Mann Bill, ungefähr mein Alter, ebenfalls aus Mountain View. Sehr nett, das passte schon mal, jetzt muss nur noch der Lehrer stimmen, dann würde einem großartigen Wochenende nichts im Wege stehen. Nachdem wir das Boot startklar gemacht hatten, waren wir unschlüssig, ob wir am Boot auf den Instructor warten oder ob wir zum Büro zurückgehen sollten. Wir beschlossen nachzufragen, und trafen auf dem Weg auf Bill, mein Lehrer am allerersten Tag, den ich in guter Erinnerung hatte, und zufälligerweise auch Susanna und Bill (richtig, zwei Bills). Als ich zurückschaute, sah ich, dass Bill, der Instruktor, unser Boot betrat. Bingo! Mit ihm kam ich richtig gut klar, und ich hatte noch einige Fragen an ihn, denn mittlerweile habe ich erfahren, dass er seit zehn Jahren auf seinem Boot wohnt, und vor kurzem seinen Job als Chemie-Ingenieur an den Nagel gehängt hat, um am Wochenende Segelkurse zu geben. Nebenbei arbeitet er noch als Fotograf, aber ich bezweifele, dass das viel mehr als ein Hobby ist.
Auf dem Wasser stellte ich erleichtert fest, dass ich nicht viel verlernt hatte und dass es keinen großen Kontrast zu Susanna und Bill gab, die Basic Keelboat gerade am vergangenen Wochenende hinter sich gebracht hatten. Die Bay zeigte sich von ihrer stürmischen Seite, mit Winden bis zu 60 Stundenkilometern und ca. 1-1,50m hohen Wellen. Wir übten das Reffen, zu dem man vorn am Mast rumturnen muss, bei solchen Wellen schon etwas abenteuerlich. Zum Glück stellt die Schule wasserdichte Seeanzüge, nur meine neuen Schuhe stellten sich als nicht wasserdicht heraus, und ich musste das anschließende Barbecue mit nassen Socken verbringen, obendrein noch allein, denn Susanna und Bill mussten ihren Babysitter ablösen, und Bill der Segellehrer hatte etwas anderes vor. Wieder einmal fiel mir die Offenheit und Gesprächichkeit der Amerikaner auf, denn auch ohne jemanden zu kennen unterhielt ich mich gut.
Am Sonntag übten wir das Manövrieren im Hafen unter Motor und unter Segel, und am Nachmittag segelten wir nochmal raus, um das Reffen zu üben. Ich war schon etwas müde, und steuerte bei einer Halse nicht genug gegen, so dass wir “gierten”, was soviel heißt dass sich das Boot mit großer Krängung unkontrolliert in den Wind dreht. Sehr unangenehm, und es knabberte schon stärker an mir als ich gedacht hätte. Das erste Mal, dass ich eine Halse versaute, und dass am sechsten Tag, nachdem ich dachte, dass ich eigentlich alles drauf hätte.
Am nächsten Wochenende steht der erste “richtige” Segeltörn auf dem Programm. Wir segeln nach Treasure Island zwischen San Francisco und Berkeley, üben dort das Ankern und verbringen die Mittagspause dort. Ich freue mich schon!



Kommentare(1)


Gört sich klasse an! Und sehr schöne Bilder.
Man ich bin ja so Urlaubsreif. Nächste Woche Freitag geht es endlich los.