Das Wochenende begann mit Regen. Sehr viel Regen. So viel, dass ein Schild auf dem Flughafenparkplatz in San Jose empfahl, in den hinteren Reihen zu parken, weil die vorderen bei Regen regelmäßig überschwemmt werden. Der Flughafen selbst ist einer der unangenehmsten die ich kenne. Man fühlt sich eher wie im Busbahnhof, und es gibt zu wenig Sitzgelegenheiten.

Regen auf dem Heimweg. Links mein Apartmentkomplex.
Ganz anders dagegen der “John Wayne Airport” in Santa Ana. Da ich noch nie davon gehört hatte, erwartete ich einen kleinen Provinzflughafen mit Bretterbuden. Tatsächlich handelte es ich aber um ein modernes, relativ großes Exemplar. Auffallend waren die vielen kleinen geparkten Privatjets, ein Zeichen des ausgeprägten Wohlstands der Gegend. Unsere kleine Gruppe wurde von Männern in schwarzen Anzügen erwartet, die uns in einem ebenso schwarzen Kleinbus zur Hotelanlage chauffierten, ca. 40 Minuten quer durch Orange County. Das Hotel selbst war genauso beeindruckend, wie dessen Homepage es versprochen hatte. Es lag an einem Hang, so dass der Eingang zur Landseite eigentlich im vierten Stock war. Fuhr man vier Etagen mit dem Lift nach unten, gelangte man zum Garten auf der Seeseite. Sehr verwirrend. Das Zimmer selbst war sehr gediegen: Riesiger LCD-Fernseher, Marmorbad, geschmackvolle Mahagoni- und Echtledermöbel. Selbstverständlich lagen Bademantel und Badeschlappen bereit.

Der Nachteil des Luxus: Das bereitstehende Evian-Mineralwasser kostete $6.50 pro Liter, genauso wie das kleine Glas Gummibärchen in der Minibar. Ein Tag auf dem Parkplatz des Hotels schlug mit $30 zu Buche (von der Firma erstattet, wenn man einen Mietwagen hatte), ein Pay-per-view-Film mit $15.
Obwohl es schon fast zehn Uhr abends war, entschloss ich mich, in einem der Hotelrestaurants zum Weinempfang vorbeizuschauen, den der Page erwähnte, als er mich zu meinem Zimmer führte. Dort wollte man mich zuächst nicht hineinlassen, mit dem Hinweis, dass das Restaurant schon geschlossen war, doch zum Glück erkannte mich ein Kollege aus Chicago (vermutlich vom Foto im Mitarbeiterverzeichnis) und holte mich herein. Es war interessant, bei einem Glas Wein ($20 pro Glas, und nichtmal besonders toller) das erste Mal mit den Kollegen aus den anderen Teilen der USA zu reden, die man zuvor nur per E-Mail, Instant Messager oder Telefon kannte. Da auch der Organisator der ganzen Veranstaltung am Tisch saß, erfuhr ich auch gleich die Neuigkeiten: Da es ja stark nach Regen aussah, stand als Alternative zum Segeln ein besonderer Spaß auf dem Programm: Kartfahren. Ich hatte das Gefühl, dass viele plötzlich auf Regen hofften.
Nach einer eher unruhigen und viel zu kurzen Nacht ging es am nächsten Morgen zum gemeinsamen Frühstück. Unser Chef ist dafür berüchtigt, zu solchen Gelegenheiten nur sehr leichte Mahlzeiten zu genehmigen, schließlich soll man in den Meetings frisch und nicht belastet sein. Tatsächlich gab es nur Obst und Cornflakes, und ich hörte viele Beschwerden darüber an diesem Wochenende. O-Ton: “Bitte, nur einmal Rührei oder sowas, ich würde sogar selbst $10 dazubezahlen.”
Das Meeting selbst fand in einem Ballsaal statt, der mit mobilen Trennwänden in drei große Räume aufgeteilt werden konnte, genau wie die Turnhalle in meinem ehemaligen Gymnasium. Die Präsentationen waren angenehm kurz und interessant, mit Ausnahme der des Chefbuchhalter, aber das ist wohl weniger überraschend. Kollektives Frohlocken setzte ein, als die angrenzende Terrasse von Regen überschüttet wurde, und tatsächlich gab die neue Nordamerika-Chefin kurz vor Ende des Meetings das neue Ziel für die Teambuilding-Aktivität bekannt: Eine nagelneue Kartbahn!
Jeder schnappte sich eines der bereitstehenden Lunchpakete, zog sich auf dem Zimmer schnell um und bestieg kurz darauf einen der bereitstehenden Busse. Während wir unsere Lunchpakete verdrückten, wurden wir bereits über die Modalitäten des Rennens aufgeklärt und unterzeichneten diverse Formulare, dass wir die Kartbahn bei etwaig erlittenen Verletzungen nicht verklagen würden.
Um zumindest den Anschein des Teamtrainings zu wahren, wurden wir in neun Mannschaften aufgeteilt, die alle jeweils acht Trainings- und acht Qualifyingrunden fahren sollten. Derjenige mit der besten Rundenzeit aus jeder Mannschaft kommt ins Finale. Ich war erst einmal zuvor Kartfahren, und ich hatte es nicht so spaßig in Erinnerung: Die gerade zwei Tage alten Karts waren elektrisch betrieben und erreichten Höchstgeschwindigkeiten von über 60km/h, allerdings nur theoretisch, denn die Strecke war extrem kurvenreich. Sicher war das Ganze ebenfalls. Es gab einige ziemlich heftige Crashs, die aber höchstens blaue Flecken verursachten. Alle wollten das Rennen danach weiterfahren. Leider war ich in einer sehr starken Gruppe gelandet, so dass ich es nicht ins Finale schaffte. Sogar unser Sechstplatzierter war teilweise schneller als der Gruppenbeste anderer Gruppen. Natürlich holte unsere Gruppe den Titel, so dass wir am Ende des Abends eine alberne Medaille verliehen bekamen, bevor es zurück ins Hotel ging.

Der Innenhof unseres Hotels.
Das Schöne am Hotel war, dass man einfach ziellos umherwandern konnte, und überall auf Kollegen traf. Eine Gruppe wartete auf das Shuttle zu einem Restaurant, und kurzentschlossen gesellte ich mich dazu. Nach einem guten Thunfischsteak ging es weiter in ein berüchtigtes Diner bzw. Bar. Ich fühlte mich fast wie auf der Reeperbahn, nur dass hier noch dieses gewisse amerikanisch-kalifornische Surffeeling dazukam. Leute in Anzügen, vermutlich direkt vom Maklerbüro kommend, in dem sie spät gearbeitet hatten, tanzten neben Pennern und Studenten. Ein kleiner Mexikaner mit Trenchcoat und Schlapphut schien eine lokale Bekanntheit zu sein, später hörte ich Gerüchte, er sei der örtliche Drogendealer. Auf der hinteren Tanzfläche wurde generische Hip-Hop-Partymusik gespielt, während vor der vorderen Bar eine Band eigene Interpretationen von Perlen der Rockmusik der Achtziger Jahre intonierte: “Boys Don’t Cry” von The Cure, “99 Luftballons” von Nena, “Living on a Prayer” von Bon Jovi usw., aber das klingt schlimmer als es tatsächlich war. Das bemerkenswerte: Die Jungs waren gerademal Anfang zwanzig. Sind die Achtziger die neuen Sechziger?
Wie in fast jeder Bar in Kalifornien gingen auch hier um halb zwei die Lichter an, und wir mussten fast eine halbe Stunde warten, bis sich ein Taxi zu uns verirrte, während auf dem Parkplatz der Sheriff aufpasste, dass niemand besoffen Auto fuhr.
Am nächsten Morgen schlief ich verdientermaßen aus. Ich verschlief zwar das gemeinsame Frühstück, wie mir später versichert wurde, verpasste ich aber nichts: Wieder keine Eier, geschweige denn Speck oder Croissants. Ich etwas auf Entdeckungstour auf dem Hotelgelände, und wieder einmal zeigte sich, dass man einfach überall auf Kollegen traf: Auf dem Weg zum Strand begegnete ich Kollegen aus New York, mit denen ich etwas an der Brandung spazierenging. Viele Surfer in Neoprenanzügen freuten sich über die hohen Wellen, und reich aussehende Anwohner führten ihre Hunde gassi. Der Regen hatte zum Glück aufgehört, und in der Sonne konnte man es tatsächlich im T-Shirt aushalten.

Nach einem Sandwich in einem nahe gelegenen Deli und einem kleinen Film im Zimmer auf HBO (sowas ähnliches wie Premiere in Deutschland) war es dann auch schon Zeit, mich in Schale zu werfen um beim Champagner-Empfang aufzutauchen. Die Holidayparty fand neben dem angrenzenden botanischen Garten statt, wo ein kleines Clubhaus mit überdachter Terrasse, Kamin, zwei Bars und Meerblick auf uns wartete. Neben dem Clubhaus war ein Zelt aufgebaut, wo die Tische für unser Abendessen bereitstanden. Die Tische waren zugeteilt, und zwar so, dass die verschiedenen Standorte möglichst gemischt wurden. Ich saß somit mit dem General Manager von Hongkong, China und Taiwan, sowie Kolleginnen aus Kanada, Miami und New York an einem Tisch, jeweils mit Begleitung. Das modern-französische Fünf-Gänge-Menü war exquisit und vor allem in der Hinsicht, dass über 100 Essen zeitgleich serviert wurden, eine gute Leistung. Vor und nach dem Hauptgang wurde in zwei Teilen das Video gezeigt, dass aus Beiträgen aller Standorte zusammengeschnitten wurde. Ich war überrascht, wie gelungen und lustig es ausgefallen ist, sehr unterhaltsam sogar für die Nichtmitarbeiter, an denen ja die ganzen Insider-Witze vorbeigingen.

Ein häufig aufgegriffenes Prinzip war das der Pseudo-Dokumentation, so ähnlich wie “Stromberg” oder “The Office”, wie z.B. im Chicago-Video, dass einem Mitarbeiter an seinem ersten Tag begleitet, wobei alle älteren Mitarbeiter in Tierkostümen verkleidet sind.
Im Anschluss des Essen ging es weiter mit Musik, Tanz und Trunk im Clubhaus. Als wiederum um halb zwei die Lichter angingen, teilte der sichtlich angeheiterte General Manager von Singapur, Australien und Japan, ein echt cooler Typ übrigens, jedem noch anwesenden seine Zimmernummer mit, mit dem Hinweis, dass dort die Party weitergehen würde. Ich folgte der Menge, doch kaum hatte ich das Zimmer betreten, merkte ich, dass es doch besser an der Zeit wäre, ins Bett zu gehen. Nach einer kurzen Suche (sein Zimmer lag im Südflügel, meins im Nordflügel) war ich froh, den Anzug ausziehen und ins Bett zu fallen zu können.
Am nächsten Morgen waren immer noch viele Kollegen im Hotel anzutreffen, die meisten mit Sonnenbrillen im Gesicht und Wasserflaschen am Mund. Das Chicago-Office hatte Pech: Ihr Flug wurde gecancelt. Das hieß, dass sie noch eine Nacht im Hotel bleiben “mussten”. Also eher Glück? Wir verbrachten den Vormittag einfach damit, es uns auf der Terrasse des Hotels mit Blick auf den Innenhof und den Pazifik gemütlich zu machen. Etwas verwirrend war, in dieser eher von Palmen und Sonnenschein geprägten Umgebung auf geschmückte Weihnachtsbäume, Weihnachtslieder singende A-Capella-Gruppen und sogar den Weihnachtsmann persönlich zu treffen.
Nach einem eher unruhigen Flug im kleinsten Jet, in dem ich je saß (zwei Sitze rechts vom Gang, ein einzelner links), kam ich etwas mitgenommen, aber glücklich wieder in San Jose an.
Der Regen hatte aufgehört.
