Oktoberfest am Pazifik

Wie bereits angekündigt, besuchten wir am letzten Wochenende das geheimste Oktoberfest westlich des Weißwurstäquators. “Eingeborene” Kollegen kannten zwar den Club, wussten aber nicht, dass dort solch ein Fest stattfindet. Es gibt keine Internetseite (rund um San Francisco eigentlich undenkbar), und Werbung wurde auch keine gemacht. Ich war mir schon nicht mehr ganz so sicher, ob wir nicht einer Fehlinformation aufgesessen waren.

Als wir gegen 14 Uhr ankamen, zerstreuten sich meine Bedenken: Der Parkplatz war natürlich schon überfüllt, und auch die Straßenränder waren schon zugeparkt wie bei einem schleswig-holsteinischen Scheunenfest, so dass wir unser Auto noch zwei Kilometer weiter an einem Berghang abstellen mussten, hinter zwei Amerikanerinnen mittleren Alters. Diese wurden auch gleich nach dem Weg gefragt, und sie gaben an, eine Abkürzung zu kennen, so dass wir ihnen vertrauensselig folgten. Ein Fehler, wie sich herausstellte. Die rutschigen Abhänge sind wir umsonst heruntergeschlittert (ich hatte in weiser Voraussicht meine Wanderschuhe angezogen, was sich wirklich bezahlt machte), denn der Weg führte einfach wieder zur Straße hinauf, kurz vor dem offiziellen Parkplatz. Von diesem waren es dann nur zwanzig Minuten steil bergab gehender, aber asphaltierter Fußweg.

Nach diesen Strapazen hatten wir uns unser kühles Bier redlich verdient, doch zunächst erwartete uns eine lange Schlange am Kartenschalter. Zum Glück hatten wir von einer in der Nähe wohnenden Freundin, die bereits vor uns gekommen war, Karten kaufen lassen ($15 pro Person), was wirklich schlau war, denn ich glaube, kurz nach uns wurde der Einlass geschlossen, weil die maximale Kapazität erreicht war (das scheint übrigens behördlich überwacht zu werden: An jedem öffentlichen Ort, sei es im McDonalds oder im US-Konsulat in Frankfurt, findet man ein Schild, auf dem die Maximalkapazität des Raumes angeschrieben ist).

Der “Tourist Club” ist eine wirklich sehr schön gelegene Anhäufung hübscher, auf verschiedenen Ebenen gelegener und mit Treppen verbundener Holzhäuser. Die Wände sind bunt angemalt und mit Wappen und Schriftzügen wie “Garmisch” verziert. Ein alpenländisches Gefühl mochte trotzdem nicht so recht aufkommen, ich weiß nicht recht, ob es an der mangelnden Authentizität oder der kalifornischen Flora und dem Klima lag. Auf der untersten Ebene befand sich eine kleine Bühne und eine gut besuchte Tanzfläche, auf der gerade eine beleibte, ältere Frau im Trachtenkleid und mit starkem osteuropäischen (?) Akzent versuchte, die Menge zum Polkatanzen zu animieren, mit gutem Erfolg. Dahinter befand sich die Bierausgabestelle (1-Liter-Pitcher Bier: $15, das lokal gebraute Hefeweizen war zum Wegkippen, das “Helle” und “Märzen” dagegeben gut trinkbar), und weiter oben das Restaurant und die sanitären Einrichtungen. Für das leibliche Wohl gab es allerlei Köstlichkeiten: “Bratwurst” (offenbar Thüringer), “Polish” (eine Art Krakauer?) sowie “Hotdog”, für den nicht ganz so experimentierfreudigen Amerikaner, alles im pappigen Brötchen serviert. Sauerkraut durfte natürlich ebenfalls nicht fehlen, und als Nachtisch gab es eine Art Kuchen, den ich in dieser Form noch nie gesehen habe.

Die Musik wechselte wild zwischen Polka, einer Art irischem Volkstanz (glaube ich), dem Ententanz (Publikumsliebling, wurde sogar zwei Mal von der Kapelle gespielt), und Klassiker wie “In München steht ein Hofbräuhaus” kamen natürlich auch zum Zuge. Wie so oft herrschte Männermangel auf der Tanzfläche, so dass wirklich jeder einmal ran musste, mit stark wechselhaftem Vergnügen.
Wenn man sich zum Bierholen durch die Menge kämpfte, hörte man viele deutsche Stimmen. Um so erstaunlicher, dass der “harte Kern” in Lederhosen aus allen Teilen der Welt kam. So steckte beispielsweise hinter dem 80jährigen augenscheinlichen Ur-Bayern ein waschechter Sizilianer.

Nach dem Fest fuhren wir noch zu den Nachbarn eines der Au-Pairs, die während des Urlaubs der Nachbarn auf deren Haus aufpasste. Was für eine Luxusherberge! An einem Hang gelegen, mit riesiger Edelholzterrasse auf zwei Ebenen, Hängematte, ein kleines Tal überblickend… Und darauf wir, mit Weißwein, Hühnchen aus dem Supermarkt, Weißbrot, Käse, Bier, im Sonnenuntergang speisend. Ich fühlte mich wie in einer dieser amerikanischen Serien.

Auf dem Rückweg, kurz vor der Golden Gate Bridge fiel dann Marius ein, dass er seinen Schlüssel im Haus hat liegenlassen. Kein Problem, er ist einfach über seinen Balkon eingestiegen. Soviel zum Thema Einbruchsicherheit…

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