Express-Autokauf

Am Freitag war ja endlich der erste Zahltag, und ich erwartete eine großzügige Entlohnung. Zusammen mit etwas Geld, das ich aus Deutschland überwiesen hatte, würde es sicher für ein nettes Auto reichen. Überraschung Nummer 1: Statt Überweisung (“direct deposit”) wurde mir ein Scheck in die Hand gedrückt, weil die Kontoverbindung so erst bestätigt werden müsse. Komisch nur, dass der Vorschuss bereits per direct deposit überwiesen wurde?
Also bin ich in der Mittagspause sofort zur Bank schräg über die Kreuzung, um den Scheck einzulösen. Überraschung Nummer 2: Nur $100 von dem Betrag sind sofort verfügbar, der Rest wird sieben Arbeitstage gesperrt, weil ich ein Neukunde bin. Offenbar eine Vorsichtsmaßnahme gegen Scheckbetrug. Wegen des Feiertags und zwei Wochenenden dazwischen hieß das, ich müsste fast zwei Wochen warten, bis ich über das Geld verfügen könnte. Noch zwei Wochen Busfahren? No way. Ich rechnete schnell aus, was ich abzüglich der fälligen Miete noch zur Verfügung hatte und schaute bei Craig’s List, der Anzeigenbörse im Internet, nach passenden Angeboten. Gleich die erste Anzeige war genau das, was ich gesucht hatte.

Ich rief sofort an, und es meldete sich ein Inder, der gerade an die East Bay gezogen ist und sich wegen des weiten Weges ein Hybridauto gekauft hat, und sein altes Auto jetzt loswerden wollte. Direkt nach der Arbeit setzte ich mich in den Zug, um ihn bei seiner Arbeitsstelle zu treffen und mir das Auto anzuschauen. Es fuhr gut, alle elektronischen Spielereien funktionierten, er hatte gerade die Bremsen neu machen lassen, auch die Batterie und die Reifen waren weniger als ein Jahr alt. Für Baujahr 2000 war er mit knapp 78.000 Meilen für amerikanische Verhältnisse auch recht wenig gelaufen. Der Haken: Das Äußere war ziemlich lädiert. Keine großen Schäden, aber viele kleinere Dellen, an ein paar tiefere Kratzer und Steinschläge, nichts, was man aus mehr als zwei Metern Entfernung sehen könnte. Ich sagte ihm, ich werde seine Angaben prüfen und er solle mich am nächsten Tag anrufen.

Dazu gibt es nämlich eine ziemlich geniale Sache hier in den Staaten: Für ein paar Dollar Gebühren gibt man die Fahrgestellnummer bei einer Internetseite ein und erhält einen kompletten Lebenslauf des Autos. Eingetragen sind Dinge wie Besitzerwechsel und die jeweilige Laufleistung, etwaige Unfälle, Versicherungsfälle, sogar Servicechecks sind vermerkt. Die Angaben des Inders stimmten, nur hatte er verschwiegen, dass das Auto als Mietwagen verwendet wurde, bevor es von ihm auf einer Auktion gekauft wurde. Mit Mietwagen wird ja in der Regel nicht so pfleglich umgegangen, aber andererseits hat er ihn jetzt seit sieben Jahren gefahren und keine größeren Probleme gehabt.

Am nächsten Morgen rief er an und wir verabredeten, dass er mich abholen solle. In meiner Erinnerung sind die Beulen und Kratzer riesengroß geworden, und ich war erleichtert, als ich das Auto wieder erblickte und die Schäden wirklich nur kosmetischer Natur waren.

Als wir dann den Abgastest machten (obligatorisch beim Besitzerwechsel), gab es eine weitere Überraschung: Der mexikanische Tester erklärte uns, er könne keine Verbindung zum Bordcomputer herstellen und somit den Test nicht durchführen. Wir mögen doch zum Händler fahren, der das Problem mit seinem Diagnosegerät überprüfen solle, oder bei einer anderen Station unser Glück versuchen.

Ziemlich perplex sind wir zur nächsten Station gefahren. Während wir darauf warteten, an die Reihe zu kommen, rief Navin (so der Name des Verkäufers) den nächstgelegenen Händler an, ob die Serviceabteilung am Samstag geöffnet sei, und ich versuchte ihm anschließen beizubringen, dass falls wirklich der Bordcomputer defekt sei, ich mich nach einem anderen Auto umsehen werde. Diesmal funktionierte der Test allerdings problemlos. Die wahrscheinlichste Erklärung: Das Auto war von Navin damals nachträglich mit einer Diebstahlsicherung ausgerüstet worden, die eine Minute nach Stoppen des Motors die komplette Bordelektronik totmacht, so dass das Auto nicht gestartet werden kann. Vermutlich ist auf dem ersten Prüfstand diese Minute vergangen, und der Tester hat die Diebstahlsicherung nicht deaktiviert, und ohne Strom gibt es logischerweise auch keine Verbindung zum Bordcomputer. Der zweite Tester war offenbar schlau genug, die Diebstahlsicherung wieder auszuschalten. Die zweitwahrscheinlichste Erklärung: Das erste Testgerät war einfach defekt.

Jetzt hatten wir ziemlich viel Zeit verloren, und die Banken schließen am Samstag bereits um ein Uhr. Auf den letzten Drücker klappte es noch: Ich war buchstäblich der letzte Kunde, der noch hineingelassen wurde. Trotzdem musste ich 20 Minuten in der Schlange warten, weil ja am Freitag Zahltag war und am Montag die Banken wegen Labor Day geschlossen sind. Ich holte mir einen “bank check”, der auf eine bestimmte Person ausgestellt wird und dessen Summe garantiert ist, für beide Parteien eine sichere Sache also, und tauschte diesen Scheck gegen das Auto. Seit Samstag, 14 Uhr war ich wieder Autofahrer! Aber jetzt endlich ein paar Fotos:


Es handelt sich um einen Chrysler Sebring JX, das Basismodell, das aber trotzdem mit ein paar Annehmlichkeiten wie Klimaanlage, Tempomat, elektrischem Verdeck, Zentralverriegelung usw. aufwarten kann. Das Radio schluckt noch Kassetten, das muss ich also demnächst austauschen. Soweit bin ich wirklich zufrieden mit dem Auto. Erstaunlich, was man hier für $5.000 bekommen kann!

Heute ging es auch gleich damit zum Strand. Diesmal zum Stinson Beach nördlich von San Francisco, mit meinem Kollegen und einer Bekannten von ihm, um dort einen weiteren Bekannten und zwei deutsche Au pairs zu treffen.

Die beiden Mädels hatten dort einen der Lifeguards kennengelernt, die Baywatch-mäßig auf so einem Turm rumlungerten. Dieser hatte ein Jahr in München studiert, konnte wirklicht gut deutsch und wollte jetzt Philosophie studieren (echt wahr!).

Anschließend ging es noch mexikanisch essen, übrigens nur wenige Meilen von dem Ort entfernt, wo einst Andre Agassi und Steffi Graf residierten (das Haus steht jetzt für wenige Millionen Dollar zum Verkauf) und noch etwas Billard spielen, wo ein kleiner Möchtegern-Gangster offenbar unter Drogen stehend etwas Ärger machte, was bis jetzt allerdings das einzige negative Erlebnis in dieser Hinsicht hier war.

Morgen früh muss ich als erstes zur Zulassungsstelle, um den KFZ-Brief auf mich umschreiben zu lassen. Die Tage werden bestimmt schön beginnen, wenn man mit offenem Verdeck zur Arbeit cruisen kann!

Kommentare

  1. July 28th, 2008 | 8:21 am

    [...] nur 10km von der alten entfernt ist, fuhr ich schon am Freitag mit Jarys Honda CRV und meinem Sebring vier Autoladungen Kleinkram in die neue Wohnung, und auch am Samstag lud ich noch einmal mein Auto [...]

Kommentieren