Visum ist da!

Postwendend war heute bereits der Reisepass mit eingeklebtem Visum in meinem Briefkasten. Das ging wirklich schnell!
Jetzt kann ich morgen gleich meinem jetzigen Arbeitgeber die “frohe Kunde” überreichen. Ich bin schon auf die Reaktionen gespannt.

Chaos at the Consulate

Zugegeben, der Titel ist etwas reißerisch, so schlimm war es gar nicht.

Der Wecker klingelte um 5 Uhr. Immerhin waren es knapp 400km bis Frankfurt, und der Termin fand schon um 10:45 Uhr statt. Zum Glück habe ich kein Problem damit, aus dem Bett zu kommen, wenn etwas Wichtiges anliegt, und so war ich pünktlich 5:45 Uhr on the road. Im Nachbarort schon der erste Stau. Das fing ja super an.
Um Stuttgart herum war verkehrstechnisch die Hölle los. Gut, dass ich eine Extrastunde für Stau eingeplant hatte. An der Autobahntankstelle ein kleiner Schock: 1,46 Euro für den Liter Super?! Ich vergewisserte mich, dass ich nicht Super Extra Plus mit Blattgold tankte und zahlte zähneknirschend. 10 Cent mehr als z.B. in Frankfurt, wie ich später feststellte.
Um 10:30 Uhr, nach einer nervenaufreibenden “Fahrt” im Schneckentempo durch das Frankfurter Zentrum, kam ich beim Konsulat an. Anstelle der gediegenen Klassizismus-Villa, wie ich Botschaften aus Hamburg an der Alster oder Elbe kannte, erwartete mich ein kasernenartiges Gelände mit grauen, quaderförmigen Gebäuden und einer beachtlichen Menschentraube davor. Ein Bundesgrenzschutz-Passat stand daneben, und zwei unmotivierte Grenzschützer grüßten Eltern, die ihre um ein Austauschschülervisum ersuchenden Kinder mit dem Auto absetzten, mit einem freundlichen “Ey, ist das hier eine Haltestelle oder was?”
Nach etwas Recherche verstand ich auch das System: Es gab zwei Schlangen. Eine, um eine Wartemarke zu holen, und eine, um ins Konsulat zu gelangen. Dies durften nämlich immer nur 4 Leute zugleich. Die restlichen Leute saßen nur so rum und warteten vermutlich auf Angehörige.
In der ersten Schlange kontrollierte ein Beamter Gebührenquittung und Antragsformular und händigte bei Gefallen eine Plastikmarke aus. Diese musste man am Schalter samt Pass abgeben. “Um was für ein Visum geht es? L?”, fragte mich der Mann hinter dem Schalter. “E”. “E?”, antwortete er mit überraschtem Stirnrunzeln, zerknüllte die bereits gezogene Wartemarke und riss eine von einer anderen Rolle ab.
Nach 45 Minuten Schlangestehen war ich auch schon drin. Dort erwartete mich zunächst eine Sicherheitskontrolle im Flughafenstil. Gürtel und Uhr ablegen, alles aufs Fließband, durch ein Tor gehen. Wenn’s piepst: Leibesvisitation. Elektronische Geräte (insbesondere Handys) sind verboten, selbst meinen Autoschlüssel mit Funköffner musste ich gegen eine Pfandmarke tauschen.
Nach einem kurzen Fußweg über das Kasernen-, pardon, Konsulatsgelände gelangte ich in die Schalterhalle. Diese hatte die Größe eines mittleren Flughafenterminals, zumindest kam es mir so vor, mit 20-30 Schaltern und fast 300 Sitzplätzen. Ständig bimmelte es und Nummern wurden aufgerufen. Beim Eintreten überreichte mir eine junge nette Dame einen Informationszettel, in welcher Reihenfolge ich meine Unterlagen sortieren sollte.
Weitere 15 Minuten warten, und meine Nummer war an der Reihe. Eine ältere nette Dame, die ich vom Äußeren eher als Wahrsagerin eingeordnet hätte denn als Konsularbeamtin, sah meine Unterlagen durch. “Good work!”, war ihr Kommentar zu meinem — exakt nach Spezifikation — selbstgemachten Foto. Beim Umblättern aber Kopfschütteln. “Not good. Nickt gud. This line has to be dursch-ge-zogän.” Der Barcode auf der letzten Seite des Antrags war nicht richtig gedruckt. Ich verdrehte innerlich die Augen. Anwälte. Es gehörte nämlich zum Service des von meinem zukünftigen Arbeitgeber beauftragten Anwaltsbüros, dieses eigentlich sehr einfache Formular auszufüllen und per Post dem Antragsteller zuzuschicken. Das hätte ich wohl lieber selbst erledigt, denn das musste ich jetzt sowieso tun: “You need to go to the computer and fill out the forms again and print them.” Zum Glück stehen in der Wartehalle exklusiv für solche Fälle (Ausfüllen und Drucken des Formulars DS156) zwei Rechner samt Drucker bereit. Dummerweise hatte sich auch vor diesen eine kleine Schlange gebildet. Also auch hier wieder ein paar Minuten gewartet und das Formular nochmal ausgefüllt. Fertig, “Continue” gedrückt und… In der Druckvorschau wird das Formular des pakistanischen Liedermachers angezeigt, der vor mir am Rechner war und nur durch Unterstützung zweier hilfsbereiter Jungs die Formulare ausfüllen konnte und dafür eine halbe Stunde benötigte. Kurz vor dem Schreikampf beruhigte ich mich, füllte seelenruhig den ganzen Krempel nochmal aus und hoffte, dass es diesmal funktionierte. Es tat’s!
Also zurück zur Wahrsagerin. “I think I have everything now. Please take a seat and wait for your number to be called.” Also nochmal warten? Aha, das war wohl nur das “pre-screening”, ob die Unterlagen komplett sind. Danach erst erfolgt das Interview mit dem “Konsul”. Vorgestellt hatte ich mir ein Büro mit Ledersesseln und einer kleiner US-Flagge auf dem Mahagonischreibtisch. Tatsächlich macht man das aber auch an einem ganz normalen Behördenschalter, mitten in der Wartehalle.
Ich fühlte mich, als würde ich schon seit Stunden warten, dabei waren erst 90 Minuten vergangen. Nachdem ich mir die Bilder eines ausliegenden Alaska-Tourismusprospekt angesehen hatte, beobachtete ich interessiert die Abwicklung der anderen, ca. 100 Mitleidenden. Schalter 15 war besonders interessant, denn hinter dem Glas saß eine nette, blondhaarige Frau etwa meines Alters. Im Minutentakt fertigte sie mit einem bezaubernden Lächeln die Anträge ab, irgendwie hatte sie Ähnlichkeit mit der Sängerin von “Wir sind Helden” oder so. Gegen Mittag wurde die Abwicklung an ihrem Schalter aber zäher. Ständig drehten sich die Antragsteller columbomäßig beim Gehen nochmal um und stellte irgendwelche Fragen. Die anderen Kollegen hatten nun langsam ihre Stapel abgearbeitet und wollten in die Mittagspause. Ein untersetzter, etwas grimmig dreinblickender ca. Vierzigjähriger schaute bei Schalter 15 vorbei, um der Kollegin etwas Arbeit abzunehmen. Er blätterte die Akte an Schalter 13 durch, von weitem erkannte ich mein Foto. Naja, man kann nicht immer Glück haben. Er drückte auf einen Knopf, und *bling* erschien meine Nummer über seinem Schalter. “Hello, how are you? Let’s start with the finger prints.” Linker Fingerabdruck, rechter Fingerabdruck. Ein paar Fragen wie “What’s the name of the company you will be working for? How did you find the job? What will you be doing at the company? The company is owned by a German? How long do you plan to stay in the United States? Have you any relatives over there?” Ich versuchte meine Nervosität zu unterdrücken und knappe, zutreffende Antworten zu geben. Diese Art Visum muss relativ unbekannt sein, denn er musste nochmal Rücksprache mit der netten Frau von Schalter 15 halten. “Okay, we will issue the visa. You should receive it by mail in about a week.”
Ich war so müde und erschöpft, dass ich mich nicht mal richtig freuen konnte. Das Ganze hat zweieinhalb Stunden gedauert, mir kam es mindestens vor wie fünf.

Spaß beim Papierkrieg

Um an ein Visum zu kommen, sind jede Menge Formulare mit mehr oder weniger subtilen Fragen auszufüllen. Hier ein Beispiel einer recht plumpen Fragestellung, die der eine oder andere auch aus dem Fragebogen im Flugzeug in die USA kennt:

Interessant ist, dass explizit nach Nazi-Vergangenheit gefragt wird.
Vor eine größere Herausforderung stellt den Durchschnittseuropäer auch folgende Aufforderung:
List all countries you have entered in the last ten years (give the year of each visit)“.
Soll man großzügig die Europäische Union als ein Land betrachten? Oder tatsächlich alle Grenzüberschreitungen auflisten? Ich habe letzteres versucht, mit folgendem Ergebnis: “Tunesia (1999), Denmark (2000), U.S.A. (2001), P.R. China (2002), Thailand (2003), Spain (2004), Italy (2004), Spain(2005), Spain (2005), Spain (2006), Austria (2007), Switzerland (2007), Liechtenstein (2007)”. Ich hoffe, ich habe nichts vergessen…
Ebenfalls nur mit viel Hilfe von Google und Wikipedia konnte ich die Frage nach vergangener Armeezugehörigkeit beantworten. Wer weiß schon, was “Hauptgefreiter” oder “Panzergrenadier” auf Englisch heißt?

Konsulatstermin

Es geht vorwärts: Ich habe einen Termin beim Konsulat in Frankfurt! Seit dem 11. September muss jeder, der ein Visum für einen längeren USA-Aufenthalt erhalten möchte, persönlich bei einem Konsul vorsprechen. Ausgenommen davon sind nur die dreimonatigen Touristenvisa (visa waiver program).
Selbst für das Vereinbaren des Termins muss man dabei zahlen: Entweder man ruft eine teure Servicenummer an, die mit ellenlangen Bandansagen für eine hohe Telefonrechnung sorgt (EUR 1.86/min.), oder man zahlt $10 per Kreditkarte für einen Onlinezugang, der drei Monate gültig ist und mit dem man den Termin zur Not zweimal verschieben kann. Nachdem die Kreditkartenauthorisierung gestern Nacht nicht funktionierte, konnte ich mich heute einloggen und einen Termin für den 25.06. ergattern. Es war sogar einer für Übermorgen frei, das wäre aber arg kurzfristig, denn ich muss noch auf das Paket mit den Dokumenten von der Anwaltskanzlei in New York warten, die meinen zukünftigen Arbeitgeber vertritt. Außerdem muss man natürlich noch etwas zahlen, nämlich $80 Visumantragsgebühr. Ich glaube, das chinesische Visum war deutlich billiger…

Leere Seiten kopieren…

Die Zeitverschiebung hat mich wieder gelinkt: Bis kurz nach Mitternacht habe ich mich wachgehalten, um die Mail mit den Visainstruktionen abzuwarten. Um 0:37 Uhr ist sie eingetrudelt, da lag ich dann aber schon im Bett. Ich denke, in Zukunft wird das öfter so laufen…
Der Fragebogen der Anwältin ist sehr umfangreich, und ich soll den gesamten Reisepass kopieren. Auch die leeren Seiten. Und den abgelaufenen Reisepass, wo noch das J-1-Visum vom Praktikum 2001 drin ist. Naja, wenn’s hilft.
Jetzt bin ich aber erstmal wieder im Hotel, beruflich, und kann das erst morgen erledigen. Was soll’s. Mittlerweile bin ich schon fast in Abschiedsstimmung, denke ständig daran, dass ich die Alpen demnächst für längere Zeit nicht mehr sehen werde, eigentlich nur, falls ich irgendwann mal wieder Urlaub hier machen werde. Aber wer weiß…

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