Rucksack für Japan

Hier die versprochenen Bilder vom Test-Packen:
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Insgesamt wiegt der Rucksack 7,5kg.
Hier sind ein paar Details über die einzelnen Gegenstände abrufbar.

Projekt Japan – Ultraleicht Reisen

Letztes Mal hatte ich ja geheimnisvollerweise angedeutet, ein Experiment in puncto Minimalimus zu planen. Es wahrscheinlich weitaus banaler als es klang: In vier Wochen fliege ich nach Japan, um 14 Tage durch das Land zu reisen, mit nichts als einem kleinen Rucksack. Für viele mag das nichts Besonderes erscheinen, aber bis dato hieß Reisen für mich, einen großen Koffer mitzuschleppen, mit mindestens zehn verschiedenen Outfits für jede Okkasion. Das grösste Problem ist natürlich, dass dieses 20kg schwere Ungetüm wie ein Anker wirkt, der einen an einen Ort bindet. Er bringt so viele logistische Probleme mit sich, dass es einem die Lust am Reisen eigentlich schon wieder verschlägt.

Die große Frage ist nun natürlich, wie kommt man mit nur einem kleinen Rucksack aus? Die Antworten sind eigentlich relativ einfach:

Man muss nicht für jede Eventualität gerüstet sein

Nur das mitnehmen, was man auch garantiert benutzen wird. Viele Probleme lassen sich vor Ort lösen. Sollte es unerwarteterweise am Mittelmeer im Juli schneien, kann man sicher auch dort einen warmen Pullover kaufen.

Funktionale Materialien

Kleidungsstücke sollten aus einem Material bestehen, das schnell trocknet, oder besser noch, selten gewaschen werden muss. Aus irgendwelchen unerfindlichen Gründen besteht die meiste heutzutage erhältliche Kleidung aus Baumwolle, ein Material, das nicht besonders warm hält im Verhältnis zu seinem Gewicht, ewig braucht bis es trocknet, und in dem sich geruchsbildende Bakterien sehr wohl fühlen. Moderne Kunstfasern lösen immerhin die ersten beiden Probleme, mit dem Nachteil, dass Polyesterhemden noch schneller stinken als Baumwolle und sich dieser Geruch über die Zeit auch noch im Stoff festsetzt.

Interessanterweise ist das Material, das in allen diesen Kategorien gut abschneidet, ein alter Bekannter: Schafwolle. Moderne Produktionsverfahren können Merino-Wolle in einen Stoff verwandeln, der mit dem alten kratzigen Wollpulli nichts mehr gemeinsam hat. Nachdem ich testweise ein Merino-T-Shirt ausprobiert habe, bin ich nun ein voll überzeugter Anhänger. In allen Punkten ist es Baumwolle überlegen: Es hält wärmer in der Kälte, ist nicht so warm in der Hitze, es wärmt auch noch wenn es nass ist (riecht aber etwas nach Schaf), trocknet schneller. Im Vergleich zu Kunstfaser ist es feuerfest. Das Beste aber ist, dass man ein Merinowollhemd tagelang, wochenlang tragen kann, ohne dass sich ein wahrnehmbarer Geruch bildet. Ich habe es selbst ausprobiert, habe es am Ende der Testperiode auf dem Sportplatz vollgeschwitzt, trocknen lassen, und: Nichts!
Es gibt nur einen kleinen Nachteil, nämlich den Preis. Solch ein Shirt kostet mindestens $40, wenn es gute neuseeländische Wolle und gute Verarbeitungsqualität sein soll, ist man mit $50-60 dabei (Icebreaker in Neuseeland ist einer der besten Hersteller). Es lohnt sich aber auf jeden Fall. Plante ich für einen zweiwöchigen Urlaub früher zehn T-Shirts mitzunehmen, werde ich jetzt gut mit 2-3 Wollshirts auskommen.
Für Socken und Unterwäsche gilt das gleiche: Merinowolle oder antibakteriell behandelte Synthetikfaser, jeweils zwei bis drei Paar, die man täglich unter der Dusche oder im Waschbecken wäscht.
Der grösste Unfug sind Jeans: Schwer, man schwitzt schnell darin, und es dauert ewig bis sie trocknen. Ich habe nun Jeans entdeckt, die zum Teil aus einem Synthetikmaterial namens CoolMax bestehen, was all diese Probleme etwas abmildert. Mal schauen. Mein zweites Paar Hosen besteht aus vinylbeschichtetem Nylon. Superleicht, lässt sich winzig zusammenfalten und trocknet in weniger als einer Stunde.

Zwiebelschalenprinzip

Das ist ein alter Hut, aber deswegen nicht weniger wichtig. Statt einer Winterjacke ist es smarter, eine Fleecejacke und eine regen- und winddichte dünne Goretex-Jacke (o.ä.) mitzunehmen. Statt Fleece kann es natürlich auch ein Cardigan aus Merinowolle sein, oder wenn es richtig kalt wird, eine dieser neuen, extrem leichten und packbaren Daunenjacken.

Maximal zwei Paar Schuhe (besser eins)

Das ist der schwierigste Punkt. Die Kunst besteht darin, einen Schuh zu finden, der so vielseitig ist, dass man für alle Gelegenheit gerüstet ist, auf dem Wanderweg wie im Nachtclub. Ich habe noch nicht die absolute Lösung gefunden, im Moment favorisiere ich einen leichten Wanderschuh von Merrell, der auch als Sneaker durchgehen könnte.

Sich so einzuschränken, hat noch viele weitere Vorteile: Das Ein- und Auspacken zu Hause und im Hotelzimmer geht in Minutenschnelle, man sucht weniger nach bestimmten Dingen. Man muss kein Gepäck am Flughafen aufgeben, mit dem Risiko, dass es verlorengeht oder verspätet eintrifft, und spart die Wartezeit am Gepäckband. Es erlaubt einem flexibel, mobil und aktiv zu sein. Das wird es mir erlauben, mit dem Zug quer durch Japan zu fahren, ohne mir große Sorgen um mein Gepäck zu machen. Wenn ich an einem neuen Ort ankomme, kann ich mich erstmal in Ruhe umschauen, ohne dass meine erste große Sorge ist, einen Riesenkoffer loszuwerden. Demnächst werde ich mal ein paar Fotos vom ersten Pack-Experiment zeigen.

Der Weg zum Minimalismus

Als ich nach Kalifornien zog, musste ich über zwei Monate auf das Eintreffen meines Hausrats warten. Der Grund für die Verzögerung war ein Kommunikationsproblem, und es wäre sicher ein paar Wochen schneller gegangen, wenn ich einfach mal bei der Umzugsfirma angerufen hätte, um zu fragen, wo denn mein Zeug bliebe. Heute glaube ich, dass ich das nicht getan habe, weil ich meinen Krempel einfach nicht vermisst habe.

Ich hatte mir direkt bei einem bekannten schwedischen Möbelhaus ein Bett und eine Matratze gekauft, eine Decke und Bettwäsche, einen Hocker für meine Küchenbar, einen Teller, eine Tasse, eine Schüssel (alles weißes Porzellan), ein Glas, und ein Viererset Besteck, einfach weil es kein einzelnes zu kaufen gab. Mitgebracht hatte ich einen Koffer voller Kleidung und meinen Laptop. Das war eigentlich alles was ich an Hausrat zum Glücklichsein brauchte.

Als dann einige Wochen später der Umzugslaster kam und mein Wohnzimmer von Möbeln und Kisten überquoll, war ich deprimiert. Von wenigen Dingen abgesehen (wie Gitarre und Fahrrad) wollte ich eigentlich nichts mehr mit dem Krempel zu tun haben. Zwei Kisten gingen nach dem Öffnen und Inspizieren des Inhaltes direkt in den Müllcontainer. Traurig, denn dafür hatte die Umzugsfirma viel Geld kassiert, um es über die halbe Erdkugel zu schiffen. Aber die Mietwohnungen hier haben alle einen Einbau-Kleiderschrank, Lampen sind mit Schirm und Glühbirne versehen, Jalousien sind an den Fenstern.

Das Traurige ist, ich hatte schon vor dem Umzug nach Kalifornien viel ausgemistet. Zwei Autoladungen fuhr ich zum Recyclinghof, ein Dutzend Auktionen stellte ich bei eBay ein. Das Ganze kostete viel Kraft und Aufwand, nicht nur physisch, sondern auch emotional. Bei jedem Teil musste ich überlegen, ob ich es noch einmal gebrauchen könnte, wie der Wiederverkaufswert ausfallen wird, wieviel Platz es wegnimmt. Wenn man seinen Besitzstand um ein Drittel reduziert, glaubt man schon, einen guten Stück des Weges gegangen zu sein. Ich hätte nicht gedacht, dass es so deutlich wird, dass ich gerade erst den Anfang gemacht hatte.

Seitdem bin ich noch zweimal umgezogen, und ich bin immer noch dabei, meine Besitztümer Stück für Stück zu reduzieren. Bücher waren ein einfaches Opfer. Die meisten hatte ich einmal gelesen und dann nie wieder angefasst. Welchen Sinn macht es, solche Bücher zu horten? Als Trophäe, was man alles schon gelesen hat? Ich werde mir keine Bücher mehr kaufen, es sei denn, ich finde das Buch in keiner Bücherei in der näheren Umgebung und will es unbedingt lesen. Ähnliches gilt für DVDs und CDs. Beides geht heutzutage wunderbar digital über das Internet. Ich habe immer noch eine Kiste voll CDs, von denen ich seit ich hier bin vielleicht eine oder zwei herausgekramt und gehört habe. Das wird wohl die nächste Front sein.

Es gibt allerdings auch Rückschläge. Mit einer Gitarre hier angekommen, habe ich nun plötzlich drei. Davon ist mindestens eine überflüssig und wird demnächst gegen etwas Sinnvolleres eingetauscht. Auch Küchengeräten kann ich hier komischerweise nur schwer widerstehen. Standmixer, Reiskocher, Crock-Pot (Langsamkocher, gibt es das in Deutschland überhaupt?)…

Ich bin davon überzeugt, dass eine Wohnung voller Krempel das Unterbewusstsein belastet. Ich habe irgendwo gelesen, dass für Buddhisten der Besitz von Gegenständen, die man nie benutzt, schlechtes Karma bedeutet. Oder prosaischer ausgedrückt, jeder unbenutzte Gegenstand ist ein gebrochenes Versprechen, an das man ständig erinnert wird. Das Buch, dass man schon seit Monaten lesen wollte, das Musikinstrument, dass man spielen lernen wollte aber nie dazu gekommen ist, die Inlineskates, die man zweimal ausprobiert hat und jetzt in der Ecke liegen. Kleidung ist natürlich ein Thema für sich. Von all meinen Sachen im Kleiderschrank ziehe ich bestimmt gerade einmal 20% gern und häufig an. Alles andere sind die berüchtigten Schlaf-T-Shirts oder Sachen “für zu Hause rum”. Wieviel angenehmer wäre jeder Morgen, wenn man einfach irgendwas aus dem Schrank nehmen könnte, und man würde immer zu etwas Gutem greifen? Vielleicht sagt das allerdings auch mehr über mein mangelndes Einkaufstalent als über das Entrümpeln.

Kram kostet Zeit und Geld. Man bezahlt für den Platz um ihn aufzubewahren, man muss ihn sauberhalten, beim Umzug muss man Leute dafür bezahlen, ihn in die neue Wohnung zu tragen, oder man schleppt selber). Ein gutes Beispiel für Kosten ist mein PC. Wie gesagt hatte ich mir einen Laptop mitgebracht, in der Schiffsladung befand sich allerdings auch ein Desktop-PC. Vor der Entscheidung gestellt, ihn zu verkaufen oder zu behalten, konstruierte ich mir folgende Rechtfertigung: Wenn ich mir einen großen Monitor kaufe, spare ich mir die Anschaffung eines Fernsehers. Also kaufte ich mir ein neues 110V-Netzteil, einen Monitor, einen Schreibtisch. Die Festplatte versagte und ich musste auch diese ersetzen. Ich benutzte allerdings weiterhin zu 95% meinen Laptop, und natürlich kaufte ich mir trotzdem einen Fernseher, denn der Rechner war etwas laut und es war unpraktisch, ihn zum Fernsehen oder DVD schauen zu benutzen. Die Moral von der Geschicht’: Fast jeder Gegenstand zieht Kosten nach sich.

Den PC habe ich immer noch, allerdings nur, weil es der einzige Weg ist momentan, um von zu Hause aus zu arbeiten. Sobald unsere IT-Leute das Problem behoben haben, fliegt das Teil raus. Ich glaube, der Schreibtisch kann dann eigentlich auch weg.

Im Frühsommer habe ich ein kleines Experiment zum Thema Minimalismus vor, dazu später mehr. Hauptrollen spielen ein fernes Land, ein kleiner Rucksack und zwei Wochen Urlaub.


Ein Pelikan in Santa Cruz. Er brauch sich keine Sorgen um seinen Hausrat zu machen…

Basic Cruising 2: Unverhofft kommt oft

Basic Cruising, zweites Wochenende. Ich hatte mich schon fest darauf eingestellt, wieder mit Susanna und Bill auf einem Boot zu sein. Beim Einchecken war ich der erste, “Bill ist noch nicht da.” Nur Bill? Ich habe mir nichts weiter dabei gedacht und fing an, das Boot startklar zu machen, mit langsam wachsender Ungeduld, als ich nach zwanzig Minuten noch alleine war. Endlich tauchte Susanna auf, doch sie steuerte zielsicher auf ein anderes Boot zu. Also gab es zwei Boote diese Woche, und ich war mit Bill allein auf dem Boot? Komischer wurde es, als Bill vorbeikam, mich begrüßte und zum gleichen Boot ging. War ich also mit einem anderen, neuen Bill auf dem Boot? Es klärte sich aber schnell auf: Bill war tatsächlich auf meinem Boot, er hatte fälschlich angenommen, dass er wieder mit seiner Frau zusammen wäre. Wir waren allerdings vier Leute an diesem Wochenende, so dass wir in zwei Zweiergruppen aufgeteilt wurden, und Bill und Susanna wurden getrennt, weil sie beim Buchen des Kurses diesen Wunsch geäußert hatten. Sehr clever, denn nach meiner Erfahrung bei Basic Keelboat mit Lee und Rick lassen sich so einige Probleme vermeiden.

Kurze Zeit später tauchte unser Instruktor auf, Art. Etwas älter, ledergegerbte Haut. Je mehr Erfahrung, desto besser, richtig? Ich lag leider falsch, wie ich später feststellen musste. Zunächst lief alles wunderbar: Kurze Einführung in die Grundlagen der Navigation mit Karte und Kompass, wir schappten unsere große Lunchbox und machten uns auf nach Clipper Cove, um das Ankern zu üben. Der Schlag dorthin lief gut, endlich mal nicht zielloses Hin- und Hersegeln, nein wir hatten ein richtiges Ziel! Art fragte uns schon mal aus, was wir alles über das richtige Ankern wussten.

In der Bucht angekommen, gab es aber das erste Stirnrunzeln. Wie ist noch mal die richtige Prozedur beim Ankern? Hatte uns Art etwa ausgefragt nicht um uns zu prüfen, sondern um seinem Gedächtnis auf die Sprünge zu helfen? Zitat: “Es ist euer Kurs, ihr findet es schon raus!” Das war natürlich nur scherzhaft gemeint, trotzdem hinterließ es einen schalen Beigeschmack. Auf der Rücktour allerdings eskalierte es zwischen Bill und Art. Ich hatte das Gefühl, dass Art etwas schwerhörig war, vielleicht hatte er auch nur Probleme, meinen deutschen Akzent zu verstehen, und generell hatte er kein gutes Gespür dafür, die Ursache zu finden, wenn etwas schiefging, und es effektiv zu korrigieren, was insgesamt zu einem ziemlich frustrierenden Lernerlebnis wurde. So bekam er zum Beispiel nicht mit, als Bill beim Mann-Über-Bord-Manöver bei hohen Wellen das Übungsobjekt aus den Augen verlor (woran ich als designierter “Spotter”, der das Ziel immer in Auge halten sollte, Mitschuld war) und daraufhin das Manöver abbrach. Art kritisierte daraufhin, dass Bill nicht den richtigen Winkel zum Ziel ansteuerte, woraufhin der ansonsten sehr ruhige Bill die Fassung verlor und mit wildesten Flüchen Art anfuhr. Nach zehn Sekunden peinlicher Stille entschuldigte er sich, und wir machten weiter, als ob nichts gewesen wäre. Beim Einlaufen in den Hafen gab es einen weiteren Streitpunkt darum, wer den Motor startet. Unsere früheren Instruktoren ließen uns immer die Wahl: Entweder man gibt das Ruder an seine Crew ab und startet den Motor selbst, oder man steuert in Ruhe weiter und lässt die Crew den Motor starten. Art bestand aber darauf, dass der Skipper den Motor startet. Was das Fass dann zum Überlaufen brachte, war als Art bei einer Wende im Hafen, nach der wir kurz mit einem anderen Boot etwas ins Gehege kamen zu Bill meinte, “das war ein wenig gefährlich.” Art bezog das nur auf das killende Segel (kein Wind im Segel -> keine Fahrt -> kein Steuern möglich), Bill hatte das aber als Kritik an seiner Entscheidung eine Wende zu fahren verstanden. Er hatte keine andere Wahl, denn das Dock war zwei Bootslängen entfernt.

Nach dem Anlegen Anlegen gab es die übliche Manöverkritik, und Bill und Art einigten sich darauf, dass Susanna und Bill am Sonntag Boote tauschen würden. Auch wenn Art sicher nicht der beste Instruktor war, den ich bis dato hatte, hatte ich kein großes Problem mit ihm, und hatte so nicht unbedingt das Bedürfnis, zu tauschen. Trotzdem ging ich an diesem Abend mit weitaus weniger Vorfreude ins Bett als an den anderen Tagen.

Am nächsten Morgen traf ich zur gleichen Zeit wie Susanna ein. Nur, warum war sie allein? Wie sich herausstellte, hatte ihr Babysitter kurzfristig abgesagt, und Bill musste zu Hause bleiben. Nicht gerade zu meiner Überraschung teilte sie mir mit, dass Bill gerade etwas Stress im Büro hatte, und deswegen wohl etwas von der Rolle war. Das hieß, statt zwei Zweierbooten wurden wir wie gewohnt zu dritt auf ein Boot verlegt, und zu meiner Freude war nicht Art unser Instruktor, sondern Allan. Keine Ahnung, inwieweit der Vortag zu dieser Entscheidung beigetragen hatte, aber meine Laune verbesserte sich schlagartig. “Neues Spiel, neues Glück” beim Instruktor, wir waren wieder zu dritt, was sehr viel weniger stressig ist, dann man hat ab und zu eine Pause um etwas zu trinken, eine Jacke an- oder auszuziehen oder einfach um etwas zu entspannen, und unser dritter Mitstreiter, Tahia, war zudem weiblich und in meinem Alter.

Der Tag brachte keinen neuen Stoff, wir übten noch einmal alle in der Prüfung verlangten Punkte, und verbrachten noch einige Zeit damit, das Segeln im Hafen zu trainieren, mit extrem viel Verkehr. Offenbar war das die Situation, in der die meisten Unfälle passieren. Der Motor fällt aus, und plötzlich ist man manövrierunfähig und treibt auf die Docks oder dort liegende Boote zu. Aber zum Glück hat man noch die Segel! Während wir das übten, fand sich wie auf Bestellung ein Charterboot in genau dieser Situation und demonstrierte, wie man es nicht macht. Mit gesetztem Großsegel hielten sie mit mehr oder weniger voller Geschwindigkeit windabwärts auf ein Dock zu. Ein Crewmitglied sprang auf den Anleger und versuchte das Boot festzuhalten, was bei 20-30km/h Windgeschwindigkeit so gut wie unmöglich ist. Sie wurde quer über den Bootsanleger gezogen und konnte zum Glück in letzter Sekunde die Leine loslassen. Das Boot trieb jetzt mit einem Crewmitglied weniger auf die Ausflugsdampfer zu. Unser Skipper rief inzwischen per Handy den Segelclub an, damit sie ein Motorboot zum Abschleppen schickten. Es endete glimpflich: Es gelang ihnen, relativ sanft am Ausflugsdampfer zu stoppen, und sie bekamen den Motor zum Laufen und konnten ihre verlorengegangene Mitseglerin einsammeln. Unsere Trockenübung, die vorher etwas konstruiert und theoretisch erschien, kam uns plötzlich sehr viel praxisnäher und relevanter vor.

Der offizielle Schulungsteil von Basic Cruising war damit abgeschlossen. Bevor man die Prüfung in Angriff nimmt, kann man bei OCSC kostenlose Auffrischungskurse belegen, und zwar solange, bis der Instruktor das grüne Licht für die Prüfung gibt. Ich hätte eventuell die Prüfung gleich geschafft, aber warum die Eile und kostenlose Segelstunden aufgeben? So hatte ich heute meinen ersten “Review”, wieder mit komplett neuen Leuten (Bill Nummer drei, arg), und nächsten Sonntagvormittag eine weitere, mit der Prüfung am Nachmittag. Drückt mir die Daumen!

Dieser Meerotter schwamm mir nicht in der Bay vor die Linse, sondern am Pazifik. Im Hafenbecken von Berkeley sind aber fast täglich Seerobben zu sehen, die durch die Kanäle schwimmen.

Basic Cruising 1

Der Drang wurde immer größer: Nach zwei Monaten Pause musste ich wieder auf’s Wasser und das nächste Segelzertifikat erlangen. Am besten wäre es gewesen, einen Urlaub mit dem Kurs zu verbinden, aber die Angebote waren entweder zu teuer oder vom falschen Segelverband (mein erstes Zertifikat ist von US Sailing, aber American Sailing Association-Kurse (ASA) sind offenbar weiter verbreitet). Nach den langen Autofahrten für Basic Keelboat wäre auch etwas näher gelegenes wünschenswert gewesen, aber die Schule in Redwood City bietet auch nur ASA an. Sie ist $200 günstiger als die Schule in Berkeley (OCSC), allerdings ist der Unterschied erklärbar, wenn man genauer hinschaut: In Redwood City sitzt man vormittags im Theorieunterricht und geht nachmittags zu viert mit dem Lehrer aufs Wasser, bei OCSC hat man maximal 20-30 Minuten Theorie und verbringt den ganzen Tag auf der Bay, mit nur drei Schülern. Der Theorieteil ist extra. Außerdem gibt es drei Monate lang kostenlose “review sessions”, und die meisten brauchen drei bis vier davon, um Basic Cruising zu bestehen. Ich war zufrieden mit OCSC, warum sollte mich also die Autostunde abhalten? Ein Anruf später, und ich hatte meinen Platz reserviert.

Allerdings gab es ein kleines Problem: Ich war der einzige. Man bot mir an, statt des Wochenendes einen Tag Einzelunterricht zu erhalten. Ich stimmte zu, nach fünf Minuten nachdenken rief ich allerdings zurück und verschob stattdessen. Einzelunterricht bedeutet: Keine Pausen, kein Beobachten und von den Fehlern anderer lernen, und vor allem, nur einen Tag auf dem Wasser statt zwei.

Am Samstag war es dann soweit: Die Autobahn war frei, pünktlich traf ich ein und checkte wie ein alter Hase die Bootsschlüssel aus, notierte wichtige Daten über Wind, Gezeiten und Strömungen und holte meine Schwimmweste und den Friesennerz ab. Dabei traf ich meine Mitschüler: Susanna und ihr Mann Bill, ungefähr mein Alter, ebenfalls aus Mountain View. Sehr nett, das passte schon mal, jetzt muss nur noch der Lehrer stimmen, dann würde einem großartigen Wochenende nichts im Wege stehen. Nachdem wir das Boot startklar gemacht hatten, waren wir unschlüssig, ob wir am Boot auf den Instructor warten oder ob wir zum Büro zurückgehen sollten. Wir beschlossen nachzufragen, und trafen auf dem Weg auf Bill, mein Lehrer am allerersten Tag, den ich in guter Erinnerung hatte, und zufälligerweise auch Susanna und Bill (richtig, zwei Bills). Als ich zurückschaute, sah ich, dass Bill, der Instruktor, unser Boot betrat. Bingo! Mit ihm kam ich richtig gut klar, und ich hatte noch einige Fragen an ihn, denn mittlerweile habe ich erfahren, dass er seit zehn Jahren auf seinem Boot wohnt, und vor kurzem seinen Job als Chemie-Ingenieur an den Nagel gehängt hat, um am Wochenende Segelkurse zu geben. Nebenbei arbeitet er noch als Fotograf, aber ich bezweifele, dass das viel mehr als ein Hobby ist.

Auf dem Wasser stellte ich erleichtert fest, dass ich nicht viel verlernt hatte und dass es keinen großen Kontrast zu Susanna und Bill gab, die Basic Keelboat gerade am vergangenen Wochenende hinter sich gebracht hatten. Die Bay zeigte sich von ihrer stürmischen Seite, mit Winden bis zu 60 Stundenkilometern und ca. 1-1,50m hohen Wellen. Wir übten das Reffen, zu dem man vorn am Mast rumturnen muss, bei solchen Wellen schon etwas abenteuerlich. Zum Glück stellt die Schule wasserdichte Seeanzüge, nur meine neuen Schuhe stellten sich als nicht wasserdicht heraus, und ich musste das anschließende Barbecue mit nassen Socken verbringen, obendrein noch allein, denn Susanna und Bill mussten ihren Babysitter ablösen, und Bill der Segellehrer hatte etwas anderes vor. Wieder einmal fiel mir die Offenheit und Gesprächichkeit der Amerikaner auf, denn auch ohne jemanden zu kennen unterhielt ich mich gut.

Am Sonntag übten wir das Manövrieren im Hafen unter Motor und unter Segel, und am Nachmittag segelten wir nochmal raus, um das Reffen zu üben. Ich war schon etwas müde, und steuerte bei einer Halse nicht genug gegen, so dass wir “gierten”, was soviel heißt dass sich das Boot mit großer Krängung unkontrolliert in den Wind dreht. Sehr unangenehm, und es knabberte schon stärker an mir als ich gedacht hätte. Das erste Mal, dass ich eine Halse versaute, und dass am sechsten Tag, nachdem ich dachte, dass ich eigentlich alles drauf hätte.

Am nächsten Wochenende steht der erste “richtige” Segeltörn auf dem Programm. Wir segeln nach Treasure Island zwischen San Francisco und Berkeley, üben dort das Ankern und verbringen die Mittagspause dort. Ich freue mich schon!

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